Zum 30. Geburtstag des Commodore C64

Über die Weihnachtsferien habe ich mich in die Geschichte von Commodore eingelesen („On the Edge – The Spectacular Rise and Fall of Commodore“ von Brian Bagnall) und ein paar Parallelen zwischen dem Apple von heute und dem Commodore von damals bemerkt. Das macht der Autor einem aber nicht einfach, denn er betreibt an passenden wie unpassenden Stellen recht unsubtiles Apple-Bashing.

Eine meiner Einsichten ist, dass in der Anfangsphase des Home- und Personal-Computing die Rechenleistung nicht im Vordergrund stand. Nahezu alle umsatzstarken (sagen wir 5000 verkaufte Exemplare aufwärts) Modelle liefen auf dem MOS Technologies 6502 oder einer Variante davon. Von Commodore basierten sowohl der PET 2001, wie auch der VIC-20, wie auch der Super-Seller der 1980er, der C64, auf diesem Arbeitspferdchen, mit nicht einmal 1MHz Taktfrequenz. Der Apple I und der Apple II ebenso. Die Atari-Modelle 400, 800 und ihre XL-Nachfolger, und und und.

Die anderen, TRS-80, die Amstrad CPCs und die Sinclairs, verwendeten den britischen Dauerbrenner Zilog Z80. Von Intel keine Spur; okay, der Z80 ist wenigstens Intel 8080 kompatibel.

Die Regentschaft der beiden Urtierchen 6502 und Z80 erstreckte sich von Mitte der 1970er bis zum Ende der 80er Jahre, also über ca. 15 Jahre. Die Leistungsfähigkeit des Prozessors war in den Anfangstagen des Personal Computings einerseits nicht das Wichtigste. (Wichtig war, überhaupt einen Computer zu haben!) Andererseits war der 6502 wohl ein sehr leistungsfähiger Prozessor, zumal im Vergleich mit denen von Intel. Zumal man der CPU schon damals Spezialisten wie Sound- und Grafik-Chips zur Seite stellte, und damit für Begeisterung (»awesome«, »magical«, anyone?) bei der Kundschaft sorgte.

Dann kamen die PCs, und mit ihnen das Rennen nach Mega-Hertz wie -Bytes. Auch diese Phase dauerte ca. 15 Jahre, denn spätestens seit ca. 2005 sind sogar die sprichwörtlichen Discounter-PCs schnell genug für Web, Mail, Office und Bildbearbeitung. Leistungshunger haben nur noch die Spieler. Und spielen auf Hardware, aus denen andere Super-Computer bauen, Spiele, die es auch schon auf dem C64 gab. (z.B. Castle Wolfenstein, 1981 – nein, nicht 3D, aber schon ein »Schleich-Shooter«.)

Vielleicht weniger bekannt ist, dass die Prozessorschmiede MOS Technologies Teil des Commodore-Konzerns war. Jack Tramiel, Gründer und viele Jahre CEO von Commodore, war ein Verfechter der vertikalen Integration im Konzern. Er bestand darauf, möglichst alle Hardware-Teile im eigenen Konzern zu haben, um nicht von Zulieferern abhängig zu sein. (Dass er es sich auf regelmäßiger Basis durch ruppiges Geschäftsgebaren mit den verbliebenen Zulieferern verdarb, gehört hier auch erwähnt.)

Das Interesse an der Integration hörte bei Jack Tramiel bei der Software auf. Da durfte es ein BASIC von Micro-Soft (zum Vertragsschluss noch in dieser historischen Firmierung). Einmal gekauft (1977) und gute 10 Jahre in allem verbaut, was ein 8 Bit BASIC brauchte.

Hier sehe ich eine Parallele zu Apple, das auch eine weitgehende vertikale Integration anstrebt, bzw. auf den iOS-Geräten komplett erreicht hat. Während für den Mac noch Intel die Hardware-Basis-Architektur liefern darf, baut Apple in iPad und iPhone vom Prozessor über das Betriebssystem bis hin zu den Apps – alles.

Die Motivation von Tramiel und Jobs könnte nicht unterschiedlicher sein. Tramiel wollte Preisführer sein, ihm war egal, ob die Tastatur billig und die Software umständlich war, Hauptsache, sein Computer war der billigste im Markt. Jobs hingegen wollte das perfekte Produkt, von den Rundungen des Gehäuses bis zu den runden Ecken der Dialogboxen, alles musste elegant und vollendet sein, bevor es auf den Markt gebracht werden konnte. Die zwei Enden des Spektrums, von billig bis „Eleganz hat ihren Preis“, erreicht mit dem gleichen Mittel, der vertikalen Integration im Konzern.

Und obwohl sie an gegenüberliegenden Enden der Preisskala standen, hatten beide Firmen einen ähnlichen Slogan. Commodore „Computers for the masses, not the classes“, und Apple „The Computer for the rest of us“. „Computer für alle“ hieß es bei beiden, aber aus Commodore-Sicht: So billig, dass ihn sich jeder leisten kann. Aus Apple-Sicht: So gebaut, dass ihn jeder verwenden kann.

Und auch die beiden Chefs hatten Gemeinsamkeiten: Beide waren bei ihren Mitarbeitern für ihre Wutausbrüche berüchtigt. Jobs erklärte Dinge zum „Dümmsten was ich je gehört habe“, Tramiel hatte seine „Jack Attacks“.

Und auch Tramiel kann ein Reality Distortion Field nicht abgesprochen werden, motivierte er doch seine Mitarbeiter regelmäßig, in kürzester Zeit neue Systeme für die jeweilige Winter-CES zu entwickeln. Eine neue Computer-Architektur von Thanksgiving bis Januar-CES: unmöglich? Die Commodore-Ingenieure schafften es regelmäßig.

Eine technische Parallele: Commodore gelang es in den ganzen Jahren vor dem Amiga nicht, die hauseigene 6500-Prozessorarchitektur nennenswert zu evolvieren, wie das hingegen Motorola mit der 68000er-Familie etwa im gleichen Zeitraum und vor allem Intel mit seiner x86-Architektur seit Anbeginn der Zeit gelungen ist. Nie wurden Resourcen, Geld und Menschen, dafür eingesetzt, konsequent 16 oder 32 Bit-Nachfolger zu entwickeln. (Der auf 16 Bit (24 Bit Speicheradressierung) verbreiterte 65C816 kam nur bei der Konkurrenz zum Einsatz: Apple IIgs und Nintendo SuperNES.)

Auf der anderen Seite hat Apple zwar erfolgreich seine Anwender von der 68k- auf die PowerPC-Architektur gehoben, schaffte es aber bis zum Aufkauf von NeXT und der ersten Version von Mac OS X nicht, sein Mac OS umfassend zu modernisieren. Bis einschließlich Mac OS 9 mussten Anwender regelmäßig die Speicherzuteilung für Anwendungen austarieren; das Multitasking war nur kooperativ, eine hängende Anwendung konnte den ganzen Mac zum Neustart zwingen.

Commodore und Atari gibt es nicht mehr, und fast hätte der PC auch Apple in die Knie gezwungen. Tramiel hat Apple wegen der hohen Preise zwar verachtet, aber wahrscheinlich war ein Überleben des PC-Booms nur in einer (High-End-) Nische möglich.

Atari und Commodore hatten sogar versucht, mit eigenen PCs den Neulingen von IBM, Compaq &c. Paroli zu bieten. Das führte jedoch nur dazu, Ressourcen zu binden, die besser in die nächste Iteration der eigenen Kernprodukte geflossen wären.

Es bleibt trotzdem aus unserer Giga-Tera-Multi-Core-verwöhnten Sicht fast unbegreiflich, wie auf dem 6502-Prozessor eine ganze Industrie 15 Jahre gut leben konnte.

Und ich so, damals? Kein Commodore, erster Computer war ein PC (286er, 1991). Im Freundeskreis war es 1985/86 ein Atari 800XL (erste Begegnung mit Joust und Pacman) und ein Schneider CPC („Colour Personal Computer“) und dann später auch ein Amstrad PC1620, mit s/w-Monitor und GEM (und Locomotive Basic?). Der Besitzer des 800XL rüstete dann zu einem Amiga 500 auf. SimCity, bei 50Hz, stundenlang. Tränende Augen? Egal!

Ironischerweise verfasse ich diesen Text mit iA Writer auf einem MacBook: Vollbild mit ca. 60 Zeichen pro Zeile und 25 Zeilen schwarz auf weiß auf dem Bildschirm. Das hätte der PET-2001 auch gekonnt. Und mit meiner Tippgeschwindigkeit wäre der 6502 auch lässig fertiggeworden.

Zum Weiterlesen empfohlen: commodore.ca

 

Tori Amos: Karriererückblick mit Orchester?

Nachtrag zum Eintrag von gestern: In diesem Interview deutet Tori an, dass zum 20jährigen Jubiläum ihres Durchbruch-Albums “Little Earthquakes” wohl ein Karriererückblick in einer Orchesterfassung dargeboten wird.

I can’t believe your album Little Earthquakes will have its 20th anniversary next year.

TA: Crazy, huh?

Are you doing anything special for it?

TA: Actually I am.  I recorded recently with the Metropolitan Dutch Orchestra. The whole twenty years have been rearranged for them. They are a 54-piece orchestra. That was really fun singing songs from the records all together with a full orchestral approach.

via Tori Amos – Nunn on the Run.

 

2011, da war Musik drin (Classic Edition)

Neben den traurigen und unschönen Dingen, die ein Jahr umsonst austeilt, habe ich 2011 schöne Musik verkauft bekommen. Von Peter Gabriel, der mit seinem Orchester (ein Rockstar mit Orchester, das gibt’s) New Blood eingespielt hat. New Blood sind Peter Gabriel Songs wie San Jacinto, Red Rain, Darkness und, ja auch: Solsbury Hill für ein Symphonie-Orchester arrangiert.

Aufgeführt hat Peter Gabriel einzelne SongsWerke schon 2010 in der zweiten Hälfte der „Scratch My Back“-Konzerte. Von New Blood habe ich neben der DVD (auch als BlueRay 3D zu erwerben) auch die CD und die Instrumental-Fassung der CD. Was einem Peter Gabriel-Fan schon lange klar ist, tritt hier deutlich zu Tage: Viele der Songs sind nicht auf den Gesang angewiesen, sie bestehen auch als Instrumental-Stücke ohne Gesang.

Weitere klassische bzw. moderne Musik kam von Tori Amos, die mit „Night of Hunters“ einen unglaublich intensiven Liedzyklus vorgelegt hat. Die Liedtexte bearbeiten ein auch bei Peter Gabriel nicht unbekanntes Sujet: Die kulturelle Spaltung zwischen Mann und Frau und ihre Überwindung. Die einzelnen Stücke haben es in sich, sie sind jeweils Variationen von bekannten oder weniger bekannten Stücken von J.S. Bach bis in die Moderne eines Mussorgsky oder Debussy. Ein gewagtes Unterfangen, doch der Erfolg gibt  Tori recht:

Tori Amos has made music history with her new Deutsche Grammophon album Night of Hunters, becoming the first woman ever to simultaneously land on Billboard’s Classical, Alternative and Rock Charts all in the Top 10. Her critically acclaimed new disc debuted at #1 on Billboard’s Classical Crossover and Classical Overall Charts, while also nabbing the #5 position on the Alternative Chart and #7 on the Rock Chart.

Read more: http://tunes.broadwayworld.com/article/Tori-Amos-Night-of-Hunters-Makes-Billboard-History-20111003#ixzz1iWpmSJD7

Auch von Toris Album gibt es inzwischen eine Instrumental-Version, allerdings nur digital. Sie trägt den Zusatz „Sin Palabras (Without Words)“ und ist z.B. bei Amazon oder iTunes erhältlich. Auch hier lohnt sich die Instrumental-Platte, denn auch diese Werke bestehen ohne Gesang.

Ähnlich wie bei Peter Gabriel, wo Tochter Melanie als Background-Sängerin mit auf Tour geht, singt bei Tori auch ihre Tochter Tasha und eine Nichte mit und beide durchaus kompetent.

Dazu kamen diverse Konzerte der Stuttgarter Philharmoniker, die mit der Mischung aus klassischer und moderner Musik im Abonnement mich sozusagen auf diese beiden Alben-Highlights des Jahres vorbereitet haben.