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Als die Blase platzte

Wir schreiben das Jahr 2002, der Autor dieser Zeilen ist bei der deutschen Vertriebsorganisation der Software AG (SAG) als Berater angestellt. Die SAG hatte viele Jahrzehnte bewährte Datenbank- und Anwendungsentwicklungs-Software (ADABAS und NATURAL) auf bewährten Großrechnern (IBM S/390) und Mini-Computern (VAX, BS2000, Unices) hergestellt und verkauft und es damit zum (nach SAP) zum zweitgrößten deutschen Software-Konzern geschafft.

Aber ach, die Zeichen der Zeit waren bunt und klickbar, Windows erorberte die Arbeitswelt, Großrechner waren out, Irgendwas-mit-Internet ein Muss. Die Gründer-Generation hatte das Zepter abgegeben, der neue Chef, Erwin Königs, steuerte einen entschiedenen Innovationskurs, legte mit Bolero und Tamino zwei Produkte in den beiden Kernmärkten des Unternehmens vor.

Tamino ist eine XML-Datenbank, und XML war damals um die Jahrtausendwende ein genauso heißer Sch***, wie es JSON, Docker, Kubernetes dann Jahre später auf ihren Gebieten sein würden. Über einen Achtungserfolg kam Tamino (Transaction Manager for Internet Objects, vermutlich ein Backronym) nicht hinaus. Zu schnell zogen die Branchengrößen IBM und Oracle XML-Extensions in ihre Flaggschiffe ein.

Bolero war (als Spezifikation) die Essenz aller Erkenntnisse, die Business-Programmierer im Laufe ihrer Karriere so gewinnen müssen: eingebaute Persistenz-Engine, null-safe, Code immer im Repository, Generatoren für die Integration mit Systemen wie SAP, super!

Die ganzen Goodies machten das Ding zur damals™ größten Java-Anwendung der Welt … was einem hätte zu denken geben können, denn damals war Java bei weitem nicht so schnell wie heute. Auch auf sehr gut ausgestatteten Laptops war der Arbeitsfluss eher ein Arbeitströpfeln, und durch den geführten Ansatz (für alles und jedes ein Fensterchen, ein Assistent, ein Dialog, nur den Code bekam man fast nicht zu Gesicht) fühlten die jungen, wilden Coder sich doch sehr gegängelt.

Beide Produkte, auf denen doch die Zukunft des Konzerns ruhen sollte, zündeten also im Markt nicht. Was zusammen mit dem Platzen der DotCom-Blase dazu führte, dass der Konzern in seine erste veritable Krise geriet und zum ersten Mal im größeren Umfang Stellen abbauen musste. Die Mitarbeiter, die gedacht hatten, es sich bei einem soliden Mittelständler gut eingerichtet zu haben, waren shell shocked. Schon der Börsengang der schon-immer-AG 1999 war ein Kulturschock, und nun das!

Um den Laden über Wasser zu halten, wurden die Vertriebsgesellschaften umgekrempelt. Der neue Manager für die konzern-weit wichtigste deutsche Landesgesellschaft wurde von HP abgeworben und brachte seine amerikanisierten Vorstellungen von Motivationserzeugung mit – ein weiterer Kulturschock. Das jährliche Vertriebs-Kickoff war ganz amerikanisch ausgelegt, mit FastFood und Football, und ging mit seinem Hurra-Patriotismus seiner Hurra-Salesmanship und „Wir schaffen das! Tschakka!„-Rhetorik als eine der schlimmsten Veranstaltungen in die Erinnerung vieler meiner Kollegen ein.

Warum ich das alles erzähle? Beim Aufräumen des Kellers ist die oben abgebildete, auf eben diesem Kick-Off als Goodie verteilte Basecap wieder aufgetaucht. Sie scheint mir heute in ihrer Realitätsverweigerung wie ein Vorläufer der infamen MAGA-Hüte.

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musik

3,4, Musik

Andere, denen ich 2020 gerne zugehört habe:

Gizelle Smith & The Mighty Mocambos

Amy Winehouse und so gehen okay? Dann vielleicht mal da reinhören. Vertreibt bei mir zuverlässig schlechte Laune. Vor allem mit Gizelle Smith, aber auch ohne spielen die Mocambos herrlichen AfroBeatFunk…

Joan As Police Woman

Lieblings-Songs von Joan As Police Woman neben Holy City sind Tell Me (Zen: „What do you want / What do you need“), Valid Jagger (sehr sparsam möblierter Klangraum, in den dann zum Ende eine Orgel geschoben wird) und The Magic.

Janelle Monáe

Mit offizieller Empfehlung von William Gibson, slappy bass, beasty brass, tighty texts (was ich eigentlich sagen wollte: Oh ja, gut!!!)

Morcheeba

Morcheeba haben so einen entspannten Sound, mit einer Sängerin, der ich gerne zuhöre, dass es eine der wenigern Bands ist, die ich zu konzentrierter Arbeit hören kann. Entweder das Album Big Calm oder die Apple Essentials Playlist, wenn ich nicht weiter darüber nachdenken will.

Portugal. The Man

Kennengelernt über’s Radio, schätzen gelernt über die Apple Music Essentials Playlist. Auf der schließt sich an People Say so nahtlos So Young an, dass ich glauben möchte, dass da ein menschlicher DJ am Werk war.

Überhaupt, People Say, hat krassen Text.

All the soldiers say
„It’ll be alright,
We may make it through the war
If we make it through the night.“
All the people, they say:
„What a lovely day, yeah, we won the war.
May have lost a million men, but we’ve got a million more.“
All the people, they say.

People Say Lyrics

Bruce Springsteen: Letter To You

Bruce war mir bisher „zu laut“, bis auf den einen Song da, von dem Philadelphia Soundtrack (neh, nicht der Käse, der Film mit Tom Hanks über AIDS!). Und dann strömen mir im Herbst auf allen Websites, die ich so lese, Empfehlungen entgegen, auf Apple TV „Letter To You“ anzuschauen.

Bruce Springsteen und die E-Street-Band bei der Arbeit am Album im verschneiten New Jersey, gefilmt in Schwarz-Weiß, die Band bei den Aufnahmen, Erinnerungen von Bruce, und wenn das Lied im Kasten ist, gibt’s einen Schnaps. Vielleicht sind der Boss und ich nun alt genug füreinander …

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Sponsoring

Eine Monetarisierung findet nicht statt, habe ich mal geschrieben, erstens, weil das hier zu selten (und dann stoßweise, wer tut so was?!) erscheint, zweitens, weil ich keine Lust habe, die zwei, drei Leute, die hier zufällig vorbeischauen, gleich an den nächsten Internet-Riesen zu verraten und verkaufen.

Andere Leute leben davon, dass sie schöne⇿schreckliche Dinge finden & forschen und ins Internet schreiben. Cartoons malen. Musik machen. Sie brauchten und brauchen unsere Unterstützung, damit sie nicht ihre Kunst aufgeben und sich eine (buuh!) Anständige Arbeit™ suchen müssen. Daher hier kurz, wen ich letztes Jahr so unterstützt habe (alles Kleinvieh, macht aber hoffentlich über alle doch Mist):

  • $5 / month an The Online Photographer (Mike Johnston), meine Lieblings-Website über alles, was mit Photographie⇿Fotografie zu tun hat. (Patreon)
  • $5 / month an Zach Morrison für seine geisterhafte graphic novel Paranatural (Patreon)
  • $1 / month an Tatsuya Ishida für seine woke Comic-Serie Sinfest (Patreon)
  • $2 / month an Nadja Hermann für ihre notwendigen Debattenbeiträge getarnt als „hässliche, linksgrünversiffte Paint-Comics“ auf Twitter unter @erzahlmirnix (Patreon)
  • €36 / Jahr 1. für den Ehrentitel Lemming und 2. für Joscha Sauer, der erfreulicherweise wieder frische nichtlustig Comics macht. (steadyhq)

Daneben noch einmalige Spenden an

  • Internet Archive, weil wir ohne Archive halbblind durch die Gegend laufen surfen.
  • Samara Ginsberg, die mit ihren Cello-Arrangements von Film- und Serien-Titelmelodien das dumme Corona-Jahr entscheidend erträglicher gemacht hat. (Twitter, Youtube siehe unten) (Ko-Fi)
  • George Nachman für den schönen und funktionsreichen macOS Terminal-Ersatz iTerm2 (Donate)
  • … und ein paar Euro/Dollar an den/die Entwickler:innen, wann immer ich beim Einsatz eines freien Tools daran dachte, wie viel leichter es mein Leben/meine Arbeit macht.
Sehet, welchen Kult Samara Ginsberg aus 80er Trash-Serien macht!
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1, 2, Musik

Rena Mushonga: In A Galaxy

Eine Entdeckung, die ich dem DeutschlandRadio Kultur zu verdanken habe, die spielten Narcisc0 vom Album In A Galaxy. Und dann habe ich mir, Streaming Diensten sei Dank, das ganze Album angehört. Davon gefällt mir eine ganze Menge. Die Songs sind eher laid-back, ihre Melodien und ihre Stimme sind toll, und Narcisc0 …

Nun, Narcisc0 könnte in seiner Rohform in den Studiokellern von Phil Collins, Peter Gabriel oder einem der anderen 80er-Feinmusiker liegen. Um es mit David Byrne zu sagen:

This groove is out of fashion
These beats are 20 years old

David Byrne, Strange Overtones

… und trotzdem/deswegen gefällt mir der Song immer noch von allen am besten.

P.S.: Und während ich diesen Artikel schreibe, sehe ich, dass Rina Mushonga zusammen mit Faultline ein Cover des Genesis-Songs Follow You, Follow Me gemacht hat. So ein Zufall 🙂

P.P.S.: Von dem Song Strange Overtones gibt es neben dem Original

eine Bläser-gestützte Live-Version mit St. Vincent (Love That Giant)

und inzwischen ein brauchbares Cover von Whitney.

Mh, ja, diesen Artikel haben irgendwie die post scripta übernommen.

Dua Lipa: Tiny Desk (Home) Concert

„this is the best thing that has every taken place inside of a papaya“, youtube commenter by Katie Cooke

Ich kannte Dua Lipa nur über einen Umweg, mein Sohn war irgendwann über tiktok auf „Did a full 180“ gelooped. (Der Song heißt Don’t Start Now und ist in diesem netten kleinen Konzert der letzte.) Okay, dachte ich, halt so ’ne Dance-Nummer, wie sie schwedische Produzenten zu tausenden ausspucken. Aber wenn ich mir dieses Konert so anschaue, sehe ich da (genug) musikalische Substanz und eine gewisse Eigenständigkeit der Künstlerin, um mein Urteil zu revidieren.

Levitating und Love Again gehören auch als Album-Versionen (Future Nostalgia) zu meinen Songs des Jahres 2020.

Bonus Props for playing the drum track from a cassette player, millenials take note 🙂

Weitere Tiny Desks

Alicia Keys

Alicia Keys needs no introduction. Und wer wie ich die Stadion-füllende, Linda Perry-Songs schmetternde Alicia nicht so sehr mag, die „frühe“ (wie albern bei einer noch nicht mal 40jährigen Künstlerin) Intimität von Songs in A Minor aber sehr, wird sich gerne zu ihrer Crew an den Tiny Desk setzen.

Sudan Archives

Eher ungewöhnlich ist eine Lead-Sängerin mit Violine, aber Sudan Archives bekommt das hin. Macht Lust auf mehr.

NPR (National Public Radio) ist das ähnlichste, was die USA zu einem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk haben, und eine der Institutionen, die Donald Trump noch nicht komplett kaputt gemacht hat. Er arbeitet daran, aber hoffen wir, dass es ihm in den letzten Tag seiner „Amts“-Zeit nicht gelingt.