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First Reaction: Solsbury Hill

Die Dame, die hier das erste Mal Solsbury Hill hört und dann auch noch fachkundig über Peter Gabriel Musik- und Gesangsstil referiert, ist im Hauptberuf Opern-Sängerin und Voice Coach (Gesangslehrerin).

Was ich faszinierend finde ist, ihr beim Zuhören zuzuschauen. Man kann auf ihrem Gesicht ablesen, wie sie zuerst irritiert über den 7/4-Rhythmus ist und im Geiste den Takt mitzählt.

Dass Peter Gabriel seinen Text auf die Beats 5,6,7,1 singt, ist mir in den 35 Jahren, die ich dieses Lied jetzt kenne, nicht aufgefallen. Er singt also gegen die Konvention, (im üblichen Vier-Viertel-Takt) auf 1 zu beginnen und auf 4 zu enden. (Circa:)

5to keep 6in silence 7i re1signed

5my friends 6would think 7i was a 1nut

Ich würde ja gerne mal Musik mit Ohren und Gehirn eine:r ausgebildeten Musiker:in hören … die ganzen Feinheiten, die Leute wie Peter Gabriel, Radiohead und wer weiß wer noch alles in ihre „Pop“-Songs reinschmuggeln, die ich vielleicht fühle, aber nicht verstehe, die ich dann hören und verstehen würde. Hm.

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through the wire

Globales Künstlerkollektiv covert Peter Gabriel

tl;dr: go buy it!
through the wire (bandcamp)

Es ist 12 Jahre her, dass Peter Gabriel seine Fans mit einem neuen Album beglückt hat, orchestralen Bearbeitungen von Songs anderer Leute, vulgo, ein Cover-Album. In der Zwischenzeit kamen eine Anzahl Singles, die sich mühelos an einer Hand abzählen lässt, Song-Collections und, naja, Re-Re-Re-Releases. (Irgendwas wie 47bit remastered und dann mit einer von der Mitte nach außen gravierenden Nadel in gepresstes Mars-Gestein geritztes So. Ich übertreibe geringfügig.)

Aber egal, was der Meister macht oder eben nicht macht, seine Musik inspiriert weltweit Menschen und eben auch solche die selbst Musik machen. Und mehrere von diesen haben sich unter dem Projekt-Namen through the wire zusammengefunden, um Peter Gabriel-Songs neu einzuspielen.

Ich schweife kurz ab, um zwei, drei Definitionen festzuklopfen, die mir für die Besprechung dieser Werke helfen sollen, bzw. euch nachvollziehbar machen sollen, was ich meine, wenn ich von creative covers spreche.

Es gibt ca. drei Sorten Cover:

  1. unnötige (diese Definition trifft bitte jede:r selbst)
  2. werktreue
  3. kreative

Unter einem werktreuen Cover verstehe ich, das jemand den Song so nachspielt, wie der Original-Künstler ihn gespielt hat, und so nachsingt (was Dinge wie Stimmfarbe und Phrasierung angeht), wie ihn der Original-Künstler gesungen hat. Auf der empfehlenswerten Compilation BBC Radio 2: Sounds of the 80s finden sich ein oder zwei solcher werktreuer Cover, z.B. Caro Emeralds Version von Walk Like an Egyptian oder Caravan of Love von Paul Heaton and Jacqui Abbott.

Die kreativen Cover hingegen nehmen sich einen Song vor und stellen ihn in einen neuen Zusammenhang. Ändern die Stimmung, bürsten Rock auf Piano und Geige auf Industrial. Smells Like Teen Spirit, die Definition von Grunge, inspirierte schon mehrere Künstler:innen, hier einfach mal genannt:

  • Tori Amos macht daraus ein Klavierstück
  • Erdmöbel singen eine gute deutsche Übersetzung zum eigenen Bläsersatz. (Riecht wie Teen Spirit auf No.1 Hits, auch empfehlenswert: Fahler als nur fahl (im Original: A Whiter Shade of Pale))
  • Bei Robert Glasper Experiment wird es zum Jazz

Auf dem schon erwähnten Sounds of the 80s (und seinem Part 2) finden sich erfreulich viele solcher kreativer Cover-Versionen, ich greife hier mal heraus:

  • Chrissie Hynde treibt ihrer Version von Everyday Is Like Sunday Morrisseys Lässigkeit aus, und das Dorf, das man zu bombardieren vergessen hat, wirkt gleich noch dröger.
  • Ward Thomas, die aus Michael Jackson’s Man in the Mirror einen Country-Song macht.
  • Kodaline reduziert die Geschwindigkeit von Michael Jackson’s Billie Jean erstmal auf die Hälfte, hat eine deutliche andere Intonation, klingt dem Thema angemessen verzweifelter.

Peter Gabriel’s Scratch My Back ist natürlich creative covers pur, hier klingt alles deutlich anders als im Original.

Natürlich gibt es einen fließenden Übergang zwischen werktreu und kreativ und es ist jeder Leserin überlassen, das alles für undurchdachten Unfug zu halten.

Das alles vorausgeschickt kommen wir nun zu dem, was uns das internationale Künstler-Kollektiv an Interpretationen von Peter Gabriel Songs vorlegt:

through the wire 1

START

Start ist der Auftakt von Peter Gabriel’s drittem Studio-Album. Aus den processed sax (elektronisch verzerrten Saxofons) werden hier processed violins und das macht es zum creative cover.

I Don’t Remember

Ebenfalls von peter gabriel 3, bleibt ziemlich dicht am Original, Prädikat: werktreu

Down To Earth

Im Original erschienen auf dem Wall-E-Soundtrack, lässt Gail Ann Dorsey (u.a. Bowie-Kollaborateurin, aber noch viel mehr) hier den Bass liegen und singt die Geschichte von der Zerstörung des Planten und die Rückkehr seiner menschlichen Bewohner aus dem extraplanetaren Exil. Die Musik machen die Brüder Pete und Tony Levin. Wobei Tony Levin seit dem ersten Album mit Peter Gabriel zusammengearbeitet hat.) Auf Grund der gänzlich anderen Stimmlage und Instrumentierung im Spektrum eher bei creative einzusortieren.

Growing Up

Von Peter Gabriel’s Up wieder eine sehr werktreue Annäherung an des Meisters Original.

The Tower That Ate People

Von Peter Gabriel’s Millenium Show/Album Ovo. Deutlich kreativ, indem Peter Gabriel’s am ehesten als Industrial einzusortierendes Werk hier von Tammy Scheffer ganz einfach auf a capella gedreht wird.

But the more we are protected
The more we're trapped within

Grandios!

Zaar

Zaar erschien auf Passion (Soundtrack-Album zu Martin Scorseses Film „The Last Temptation of Christ“), eines der genre-definierenden Weltmusik-Alben. Und hier? Muss es gänzlich ohne Weltmusik auskommen. Wird quasi als Gegenbewegung zu The Tower… industrialisiert. Ein sehr atmosphärischer Track und ein gelungener Abschluss des ersten Teils, dem noch viele folgen dürfen.


through the wire 2

Big Time

Das klingt deutlich anders als das Original von der Erfolgs-LP So, und ich gebe gerne zu, dass ich mich daran noch gewöhnen muss. Kreativ ist es allemal.

Curtains

Curtains ist ein Werk, das als Kleinod auf der B-Seite von Big Time zuerst veröffentlicht wurde und seitdem von Peter selbst immer mal wieder re-imagined wurde. Unter anderem war eine Version davon in der Adventure-Spiel-Reihe Myst zu hören.

Hier nimmt sich die indonesische Professorin für Ethnomusikologie Nyak Ina Raseuki (Ubiet) dieses Schätzchens an, steigt mit einem (vermutlich) indonesischen Vers ein, wechselt dann zu fast-chinesischen Flötenklängen ins Englische, um den erweiterten Original-Text zu singen. Während der Song ruhig wie das Original dahinfließt, scheinen sich die Drums zwischenzeitlich auf Abwege zu begeben. Ubiet improvisiert auf indonesisch und am Ende findet alles wieder harmonisch zusammen. Der Song bleibt eine Wundertüte!

Red Rain

Ein werktreues Cover, etwas rockiger betont als das Original von So. Der Gitarrenteil in der Mitte klingt wie David Gilmore, ca. 1990.

D.I.Y.

Album 3 ist in den ersten beiden Lieferungen gut vertreten, so auch hier mit einem eher werktreuen D.I.Y.

Lead a Normal Life

Ebenfalls von peter gabriel 3, ebenfalls eher in der Kategorie werktreu, noch ein bisschen leiser als das Original.


Ich freue mich auf die nächsten Lieferungen dieses Projekts. Wie immer gilt: Support Your Artists! Kauft euch die Teile auf bandcamp, wenn sie euch gefallen: