Kategorien
computerarcheologie digital urbanistik

ffr;lr

for future reference; long reads

20 Macs for 2020

Six Colors hat eine für Mac-Fans lesenswerte Serie über die 20 wichtigsten Macs aller Zeiten zusammengestellt:

With this year marking the turn of decades (in some particularly disastrous ways, as it turns out), I decided to construct a list of the 20 most notable Macs in history. Over the next 20 weeks, I’ll post essays, podcasts, and videos about each of them, counting down to number one.

Jason Snell, 20 Macs for 2020

Die Einführungsseite hat Links zu allen zwanzig portraitierten Macs. Unter ihnen finden sich auch umoffensichtliche Kandidaten wie der DayStar Genesis MP, der der Mac-Plattform den Umgang mit mehr als einem Prozessor beibrachte. Und der Power Mac G4 Cube, der mehr für’s Museum als für den Schreibtisch entwickelt worden war.

Zu jedem Mac gibt es sowohl Text als auch Video, und, Nein, der Original Mac ist nicht die Nummer Eins.

Order Without Design

Devon Zuegel ist eigentlich bei GitHub für das Sponsoren-Programm zuständig, hat aber ein reges Interesse an Städtebau. Mit Marie-Agnes and Alain Bertaud hat sie inzwischen vier Folgen des Podcasts Order Without Design aufgenommen, mit so interessanten Themen wie der Müllentsorgung in Disneyland und ob und wie sie auf „echte“ Städte übertragbar ist. Ist auf meiner read later-Liste, denn die Podcasts sind zumindest teilweise transkribiert.

Bisher erschienen:

Wie man sich eine Zeitschrift hält

Peter Thiel ist, zusammen mit den Koch Brothers und ein paar anderen Milliardären, der Bond Villain, den die USA „verdienen“.

Peter Thiel is a billionaire serial entrepreneur, venture capitalist, and the most prominent supporter of President Trump in Silicon Valley. And in a world where money is power, Thiel is not afraid to wield his power.

How Peter Thiel and the Stanford Review Built a Silicon Valley Empire

In diesem Bericht geht es darum, wie Peter Thiel in seiner Studentenzeit eine Campus-Zeitung – Stanford Review – gründete und durch die Jahre (auch nach seinem Abschluss) die Kontrolle über sie behielt und dazu nutzte, ein Netzwerk aus Gleichgesinnten zu bilden.

Ich habe es noch nicht zu Ende gelesen, daher hier keine weiteren Details. „;rl“ for a reason.

Kategorien
computerarcheologie digital

Richtig alte Computer

Ein Bericht von einem, der auszog, eine Mandelbrot-Menge (eine berühmte Sorte Fraktal) auf einem Computer aus den 1960er Jahren zu berechnen. Der IBM 1401 (Wikipedia) hat ein paar für uns heute überraschende Eigenschaften: Er rechnet mit Dezimalzahlen (Binare Code Digits, BCD) und arbeitet mit variabler Wortgröße (wo Computer sonst fest mit 8, 16, 32 oder 64bit-Wörtern arbeiten). Der Artikel kombiniert die tiefen technischen Einblicke mit den Mietpreisen, die IBM damals für das jeweilige Feature haben wollte 🙂

The 1401 I used is the Sterling model which it supports arithmetic on pounds/shillings/pence, which is a surprising thing to see implemented in hardware. (Up until 1971, British currency was expressed in pounds, shillings, and pence, with 12 pence in a shilling and 20 shillings in a pound. This makes even addition complicated, as tourists often discovered.) By supporting currency arithmetic in hardware, the 1401 made code faster and simpler.

ebd.

12-minute Mandelbrot: fractals on a 50 year old IBM 1401 mainframe

… und noch viele weitere tiergehende Analysen von historischen Computern, Chips und ihren Bestandteilen. Lesestoff für ein, zwei Lockdowns.

Kategorien
digital musik software engineering

Tabs of Yesteryear

Brian Eno, Top-Produzent von Musik für Flughäfen und Aufzüge1, hat ein Kästchen mit Kärtchen. Auf jedem Kärtchen ein Ratschlag, um aus einem kreativen Loch, einer Uninspiriertheit herauszufinden. Hat erstmal nichts mit Musik zu tun, ist einen Blick wert, wenn man feststeckt. Digital unter Oblique Strategie, mit so zufällig ausgespielten Perlen wie:

  • Take away the elements in order of apparent non-importance
  • You don’t have to be ashamed of using your own ideas
  • State the problem in words as clearly as possible
  • u.v.a.m.

1 Okay, außerdem auch noch von U2, David Bowie, Talking Heads, … f*ck! there’s an own Wikipedia category for this!

Die Configuration Complexity Clock fasst ein (vielleicht/vermutlich) nur für Programmierer nachvollziehbares Vorgehen zusammen: Eine gewisse Abneigung gegen einfache Lösungen verbunden mit dem Wunsch „es richtig zu machen“ (im Gegensatz zu „das Richtige, vom Kunden bezahlte“ zu machen). Man beginnt damit, dass ein Programm eine gewisse Konfiguration benötigt, im Beispiel einen änderbaren Umsatzsteuer-Satz. Dazu braucht man eine Konfigurationsdatei und das könnte das Ende vom Lied sein.

Tatsächlich endet es aber öfter als einem lieb ist damit, dass die Konfiguration zu einem Programm in einer selbst-erfundenen Sprache ausartet. Und da es nun ein Programm ist, braucht es bestimmt die ein oder andere Einstellung in einer Konfigurationsdatei. Die Complexity-Clock schlägt Zwölf, das Spiel beginnt von neuem. Details im verlinkten Artikel.

Two Hard Things in Computer Science ist eine Sammlung von Martin Fowler, die ein paar meiner Lieblingsweisheiten zur IT enthält, darunter diese hier:

Kris Köhntopp in einem Twitter-Thread über den Alltag von uns Software-Entwickler:innen:

There are always existing systems that do not fit exactly, but which you are dependent on.

There is always an existing system your code has to fit into.

Hi, I am Kris. I have been working with computers since I am 14 years old, and I am over 50 now.

Die meisten von uns arbeiten nicht an Betriebssystemen und Compilern. Sondern an dem System, mit dem die Firma seit 15 Jahren ihr Geld verdient und an dem schon fünfzig Leute vor uns gearbeitet haben. Nix Drei-Wünsche-Fee. Software-Archäologie.

Kategorien
computerarcheologie digital

Timeworks Publisher 2 und die Schul-Chronik

Ein wenig persönliche Personal Computer Archäologie: Wir schreiben das Schuljahr 1991/92, mein Gymnasium feierte sein 70jähriges Bestehen und wollte aus diesem Anlass eine Schul-Chronik herausgeben. Mein Vater, Lehrer an diesem Gymnasium, erhielt den ehrenvollen Auftrag, die Erstellung dieser Chronik zu leiten. Er stellte eine Textverarbeitungs-AG (Arbeitsgemeinschaft) aus fünf Schülern zusammen, darunter ich. 

Die kommenden Wochen und Monate waren von sehr intensiven, arbeitsamen, chaotischen Nachmittagen im Computer-Raum der Schule geprägt. (Bis kurz davor war der Computer-Raum das schwer gehasste Sprachlabor. Dessen wertvolle Tonband-Ausstattung wurde dann eines Tages abtransportiert, ohne dass ihr irgendjemand eine (dokumentierte) Träne nachgeweint hätte.) Dieser Computer-Raum hatte (wenn Die Erinnerung™ nicht trügt) circa zwölf Rechner für die Schüler und einen für die Lehrkraft. Möglicherweise waren es 386SX Clone mit MS-DOS. Das Setup wurde komplettiert von einem HP DeskJet 500 und einem im abschließbaren Nebenraum untergebrachten Novell Netware Server.

Ein konservatives Zwei-Spalten-Layout, durchgehende Serif, keine Tausend-Schriftarten-Happy-Hour. Anzeigen und Fotos nicht gescannt, sondern in die unter andächtiger Stille mit 300dpi ausgedruckten jetzt wirklich endgültigen Seiten geklebt.

Während andere sich darum kümmerten, Sponsoren und Werbekunden für die Chronik zu gewinnen, treibt mein Vater eifrig Artikel von Kolleginnen und Kollegen, von den Verantwortlichen der Stadt, von den Altvorderen ein. Irgendwann kamen die ersten Rückläufer und damit die Aufgabe, aus den Texten tatsächlich ein Buch zu layouten. 

Da Öffentlicher Dienst im Allgemeinen und Schulen im Besonderen in Deutschland ja nichts kosten dürfen, ist die Software-Ausstattung frugal. Als Textverarbeitung ist Context Pro installiert, ein Programm, das damals vermutlich eine eingeschworene Fangemeinde hatte (wohl auch den Vobis PCs beilag), aus deutschen Landen stammte und vermutlich billig (im Gegensatz zu Word oder WordPerfect) zu haben war. Damit ließen sich die Texte, wo es notwendig war, digitalisieren, will sagen abtippen, und in einem gemeinsamen Verzeichnis auf dem Netware-Server in Sicherheit bringen. (Möchte nur anmerken, dass es dem Engagement einzelner Lehrer zu verdanken war, dass die Computer einzeln und im Netz überhaupt funktionierten. Unbezahlte Mehrarbeit, gerne genommen, selten bedankt.)

Schon damals las ich die c’t (Testbericht aus der c’t 6/1990) und konnte damit auf Papas Frage nach einem Layout-Programm den Timeworks Publisher empfehlen – von dem wir dann auch eine Lizenz beschaffen ließen. Timeworks war ein DTP-Programm auf GEM-Basis, eine frühe Alternative zu Windows. (Atarianer kennen es als Oberfläche ihres TOS.) Man brauchte kein GEM für den Publisher, der brachte eine Runtime (Laufzeit-Umgebung) gleich mit, und sah damit für ein PC-Programm ziemlich schick aus. (Screenshots von Timeworks Publisher 2 für den PC scheint es keine zu geben, aber wer danach sucht, kann sich an den Atari-Screenshots orientieren.)

(Hier ein Bericht über die Atari-Ausgabe, die mit dem von uns benutzten PC-Produkt ziemlich übereinstimmen sollte: Timeworks Publisher 2 – DTP aus England)

Wir Computer-Dompteure hatten eine wilde Zeit, Texte zu digitalisieren und zu redigieren (in Context), dann in den Publisher zu übernehmen und dort zu einem (recht konservativen Zwei-Spalten-) Layout zusammenzufügen. Erleichtert wurde die Arbeit dadurch, dass der Publisher als relative Neuheit für ein DTP-Programm es zuließ, die Texte direkt im Layout zu editieren, um zum Beispiel noch zwei Wörter zu kürzen, damit der Text auf den ihm zugemessenen Platz passte.

Es hat Spaß gemacht, Timeworks DTP auszuloten. Es kostet Zeit, aber der Aufwand lohnt. Das Programm ist noch vergleichsweise leicht zu bedienen, erfordert aber schon einen gewissen Übungsaufwand. Timeworks DTP bietet viele Funktionen, die es als vollwertiges Desktop-Publishing-Programm ausweisen. Ein deutliches Manko sind in erster Linie die wenigen direkt lesbaren Fremdformate für Text- und Grafikdateien. Trotz einiger Fehler und Macken hinterläßt Timeworks DTP den Eindruck, ein praxistaugliches Programm für den allgemeinen Büroalltag zu sein.

Fazit des c’t Testberichts „Mittelklasse – Vier Low-Cost-DTP-Programme im Vergleich“, in c’t 6/1990, S. 90ff

Erschwert wurde die Arbeit durch selbstverständlich inkompatible Speicherung von Umlauten, d.h. jeder Text aus Context musste im Publisher nochmal mit seinen Original-Umlauten versehen werden. Ebenso war der DeskJet zwar im Netzwerk eingebunden, man konnte ihn aber durch überschneidend abgesetzte Druckaufträge mit Leichtigkeit ins Chaos stürzen. Ein Zustand, in dem er in Windeseile seine teure Tinte in großen Buchstaben auf seitenweise Papier spritzte. Bis man ihn abgeschaltet, die Druckerqueue gelöscht und alles wieder in Betrieb genommen hatte. Wir haben mehrfach zum Großen Anlagen Hauptschalter im Lehrerpult gegriffen, um Schlimmeres zu verhindern. Drucken war danach eine durch Zuruf zu koordinierende Angelegenheit. Aber da der Computer-Raum an diesen wilden Tagen uns gehörte, war das dann kein Problem. 

HP DeskJet 500 im Festtagsmodus (300 dpi), getreulich von der Druckerei reproduziert.

Den Widrigkeiten der mittelalterlichen IT zum Trotz, wir haben es geschafft. Vor Ende des Schuljahres waren die Druckvorlagen fertig, auf die dann an den passenden Stellen noch die Fotos eingeklebt wurden. Dann ging das ganze zur Druckerei. Nix da digitale Druckvorstufe. Als Papierhaufen. Und zu den Feierlichkeiten am Jahresende hatten wir eine feine Chronik, die unsere Schule gerne und erfolgreich an Eltern, Ehemalige und sonstige Interessierte verkaufte.

Ein hübsches Fundstück zu Context, aus einem Bericht über die „EDV beim OLG Oldenburg„:

Als Textverarbeitung wird im ganzen Haus – zur Verblüffung mancher Besucher – nicht ein renommiertes Programm, etwa WORD oder WORDPERFECT, eingesetzt, sondern CONTEXT 4.0, ein vom DMV-Verlag vertriebenes Programm mit ausreichend gutem Funktionsumfang, von dem eine Netzwerklizenz unter 40,- DM kostet. Es spricht vieles für eine solche Wahl. Zunächst muß man sich vor Augen halten, daß die Anforderungen an das vom Gericht produzierte Schriftgut bei Licht betrachtet doch recht bescheiden sind, so daß zahlreiche Funktionen „großer“ Programme ohnehin nie benötigt würden. Dann ist zu bedenken, daß – jedenfalls im Grundsatz – ein Programm um so schwieriger zu bedienen ist, je mehr Funktionen es enthält. Insoweit kann „small“ wirklich „beautiful“ sein. Zwar kann CONTEXT natürlich bei weitem nicht soviel, wie die genannten Spitzenprogramme, es hat aber – neben dem sehr viel niedrigeren Preis – eben den ganz großen Vorteil, äußerst leicht bedienbar und erlernbar zu sein.

Im Norden manch Neues:
Ein Lagebericht zur Entwicklung der EDV im OLG Oldenburg
Kategorien
computerarcheologie digital

OS/2 Museum, auch DOS, Netware, Hardware in der Ausstellung

Eine Fundgrube an allerhand Hard- und Software-Kuriositäten ist das OS/2 Museum von Michal Necasek. Während die ersten Beiträge noch tatsächlich von OS/2 und seiner wechselvollen Geschichte vom Hoffnungsträger zum vernachlässigten Scheidungskind von IBM und Microsoft handelten, werden inzwischen auch Novell Netwareältere Hardware und ihre Emulation und zuletzt das gute alte Microsoft Basic (GW-BASIC) behandelt.

Manchmal geht es wirklich tief hinein, wie beim Vergleich verschiedener Revisionen einer obskuren Soundkarte. Wem das nicht passt: Es gibt noch mehr zu entdecken.

Kategorien
computerarcheologie digital

Aus dem Atari ST-Entwicklungsteam

Dadhacker war Entwickler bei Atari, als Jack Tramiel, gerade bei Commodore gefeuert, 30 Millionen Dollar zusammenkratzte und den kriselnden kalifornischen Games & Computer-Pionier übernahm. Er wurde dann Teil des Teams, das das von Shiraz Shivji konzipierte Design zum Leben erweckte. Seine Erlebnisse, unter anderem auch die Zusammenarbeit mit (CP/M- und GEM-Entwickler) Digital Research für das Betriebssystem und die grafische Benutzeroberfläche des ST, hat er in zwei sehr unterhaltsam geschriebenen Beiträgen festgehalten:

Und wenn ihr da durch seid (oder Atari euch nicht interessiert), schaut euch seine anderen Stories an, er war/ist noch bei anderen Konzernen (u.a. Apple) aktiv.

Kategorien
computerarcheologie digital

Gepard, eine deutsche 68000er-Workstation

Das Blog Rare & Old Computers hat eine mehrteilige Reihe über eine deutsche Entwicklung aus den 1980er Jahren, den Gepard. Basis ist der Motorola 68000, damit stellt sich das System in eine Reihe mit dem Ur-Macintosh, dem Atari ST und dem Amiga, bzw. vom Anspruch eher zu den Workstations von SUN. Der Markt hat sich „daran vorbeientwickelt“, und ich habe aus diesem Blog zum ersten Mal von ihm gehört. Daher hier für alle interessierten Computer-Archäolog_innen der Tipp, sich die ausführliche Dokumentation des Gepard von Fritz Hohl durchzulesen: Gepard – An early German 68000 hobbyist workstation

Kategorien
computerarcheologie digital

The Fugitive Game

Jonathan Littmann: The Fugitive Game, Online with Kevin Mitnick, The Inside Story of the Great Cyberchase (1996)

Das Buch, das diesen länglichen Titel trägt, ist im Wesentlichen ein Stapel Protokolle von Telefongesprächen, die Kevin Mitnick mit dem Autor geführt hat, während er auf der Flucht vor dem FBI war. Mitnick war zuvor schon in einem der ersten Hacker-Prozesse für schuldig befunden worden und befand sich auf Bewährung „draußen“. 

Er versuchte, Arbeit zu finden, aber da er ein verurteilter Cyber Criminal war, gestaltete sich das schwierig. Immer, wenn er eine Job-Zusage hatte, die im entferntesten mit Computern zu hatte, rief sein Bewährungshelfer den prospektiven Arbeitgeber an und klärte ihn über die Vergangenheit von Mitnick auf. So kann man keine ehrliche Arbeit finden, insofern ist es verständlich, das Mitnick untertauchte und unter neuer Identität an einem anderen Ort, abseits des sonnigen Kalifornien, nach neuem Glück suchte.

Soweit die Vorgeschichte, ungefähr das vordere Viertel des Buches. Dann kommt die Zeit, in der Mitnick mit dem Autor des Buches stundenlange Telefongespräche über seine Vergangenheit und Zukunft führt. Die Gegenwart, weil vermutlich strafrechtlich relevant, wird peinlich vermieden. Das letzte Fünftel des Buchs nimmt dann Medienschelte ein. Warum?

Mitnick wurde zunächst nicht vom FBI verfolgt. Das hatte kein Interesse an einem Hacker, der seine Bewährungsauflagen verletzt hatte und untergetaucht war. Die Leute, in deren Computer er angeblich eingebrochen war und über die er sich lustig gemacht hatte, waren es, die ihn im Knast sehen wollten. Ein DEC VAX-Experte aus Großbritannien, der Mitnicks social engineering aufgesessen war, gehörte genauso dazu, wie die klassischen Gegner der Hacker, die Telefonkonzerne. 

Schließlich soll Mitnick einem kalifornischen Sicherheitsspezialisten gehackt haben, natürlich unrühmlich für einen, der andere in Sachen Sicherheit berät. Ob er es tatsächlich war, ist zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buchs ungeklärt, aber eben dieser Spezialist Tsutomu Shimomura macht sich auf die Suche nach Mitnick. Und bringt den New York Times Journalisten John Markoff mit. Und hieran entzündet sich die Kritik von Littmann. 

Littmann meint, dass John Markoff nicht der neutrale Beobachter war, der er als Journalist hätte sein müssen, sondern sich aktiv in die Untersuchung und Verfolgung eingeschaltet habe, mit dem Ziel, die Jagd später in einem Buch zu dokumentieren und damit Geld zu verdienen. Nun ja, das war deutlich vor den embedded journalists des ersten Irak-Kriegs. 

Fazit: Das Buch besteht zu mindestens der Hälfte aus den unkommentierten Telefonaten zwischen Mitnick und Littmann. Behauptungen von Mitnick werden stehengelassen, Andeutungen nicht aufgelöst. Wer auf die Lektüre von Telefonprotokollen steht, wird Spaß daran haben. Als Buch ist es eher langatmig und langweilig. Cyberpunk von Katie Hafner und John Markoff ist deutlich lebendiger und befasst sich immerhin zu einem Drittel ebenfalls mit Kevin Mitnick, der – Ironie der Geschichte – inzwischen selbst als Computer-Sicherheitsberater sein Geld verdient/verdienen darf.

Verwandte Themen

The Hacker Crackdown von Bruce Sterling, eine der ersten Schilderungen/Story-Sammlungen der Hacker-Kultur

Kategorien
digital

Zoom und „Die Technik“

Eine Mitgliederversammlung per Zoom

Am Sonntag hatte „mein“ Verein Mitgliederversammlung, der jährliche Termin, bei dem der Vorstand über seine Arbeit berichtet, die Kassenprüfer ihre Prüfergebnisse vorstellen und die Mitglieder (alle paar Jahre) einen neuen Vorstand wählen.

Abstimmungen mit Ja/Nein/Enthaltung, wie für die Entlastung des Vorstands notwendig, funktionieren in Zoom recht gut, aber wir mussten Vorkehrungen treffen für die (Ehe-)Paare, die an einem Gerät teilnehmen (=2 unabhängige Stimmen). Die Stimmzettel waren also immer mit zwei Abstimm-Möglichkeiten ausgestattet. Wer allein teilnahm, musste das bei der zweiten Stimme angeben. Hat gut geklappt. 

Ja/Nein/Enthaltung geht, was nicht geht ist die Wahl von m Vorständen aus n Kandidaten (also wenn es demokratie-typisch mehr Kandidaten als zu vergebende Vorstandsposten gibt), das unterstützt Zoom nicht. Da hatte ich https://onlinevoten.de/ für in der Hinterhand, hab’s dann aber nicht gebraucht, weil m=n=7 war und wir „Listenwahl“ machen konnten.

Auch bewährt hat sich für mich, mit einem zweiten Account „Die Technik“ reinzugehen und den zum Host zu machen. Von dem Host-Laptop kamen dann auch die Präsentation und die Abstimmungen, so dass ich mit meinem „persönlichen“ Zugang aus Teilnehmersicht sehen konnte, dass alles läuft, und auch an den Abstimmungen normal teilnehmen konnte (das kann der Host nicht).

Kategorien
musik

Leonard Cohen

Web of Ideas

Es gibt Werke, seien es Bücher oder Musikalben oder Fernsehserien, die entwickeln sich zum Zentrum eines Spinnennetzes oder zum Portal, weisen den Weg zu einer Vielzahl interessanter Dinge. Beispiele für solche Portale sind bei mir die Musik von Peter Gabriel und die Roman-Trilogie Illuminatus! (bitte nicht mit Dan Brown’s "Illuminati" verwechseln).

© Jens Rusch (CC-by-sa/3.0)

Peter Gabriel öffnete mir die Ohren für die Weltmusik, vor allem die afrikanische. Illuminatus! berührt so viele Themen, von den Vätern der Psychoanalyse (Jung, Freud) über Lovecraft zu Verschwörungstheorien, Zahlenmystik, etc. und vor allem dass man so (einen Bockmist/Wahnsinn/genialen Bullshit – wählen Sie selbst) schreiben kann!

Und auch wenn ich Lovecraft selbst bisher ausgelassen habe, gehe ich natürlich mit anderen Augen auf Bücher wie Matt Ruff’s Lovecraft Country zu. Wobei ich heute endlich Colson Whitehead’s The Underground Railroad fertig gelesen habe, hat ja nur drei Jahre gebraucht. Underground Railroad wie Lovecraft Country haben als Schnittmenge, wie die Zeit der Sklaverei die fabric der USA durchtränkt hat, ein Thema, das in Illuminatus! natürlich auch gestreift wird. Das meine ich mit Spinnennetz oder Portal.

Leonard Cohen, Sharon Robinson, Jennifer Warnes

Und nun bin ich ja als letzter Mensch auf Erden (circa) Kunde bei Spotify geworden (inzwischen weiter zu Apple Music) und habe dort Sharon Robinson entdeckt. Fand das Lied Everybody Knows genial, vor allem diese Zeilen:

Everybody knows that you love me baby
Everybody knows that you really do
Everybody knows that you’ve been faithful
Oh, give or take a night or two
Everybody knows you’ve been discreet
But there were so many people you just had to meet
Without your clothes
Everybody knows

*Everybody Knows* ©Leonard Cohen & Sharon Robinson

Was mir so ziemlich die nachsichtigste Art erscheint, über den ein oder anderen Seitensprung zu schreiben. Gleichwie, ich suchte dann die Lyrics und fand erstaunt, dass das ein Leonard Cohen-Song ist. Also von ihm und Sharon. Und von da ging’s in das rabbit hole, ich erinnerte mich, dass ich schon seit früher Jugend den Song First we take Manhattan faszinierend fand. Es muss Jennifer Warnes‘ Version gewesen sein, denn die vielen bestimmt präsentere Joe Cocker-Interpretation kam erst 1999 heraus. (Überhaupt, Joe. Joe ist bestimmt das Zentrum seines eigenen Spinnennetzes, wenn man mal anfängt zu schauen, wen er alles covert.)

Jennifer Warnes – die andere Langzeit-Mitarbeiterin von Leonard Cohen. Die hatte den Song als erste auf Famouts Blue Raincoat, noch bevor Leonard Cohen selbst ihn rausbrachte. Und Jennifer Warnes hatte ich vorher schon auf dem Radar gehabt wegen ihres Covers von Whole of the Moon. Von dem Song wiederum hatte ich zuerst das Cover von Boyzone (Nein, nicht mein üblicher Beritt) gehört, das aus einem ganz anderen Zusammenhang auf meine Playlist gekippt wurde.

Sharon Robinson und Jennifer Warnes also, zwei Frauen, die große Teile ihres künstlerischen Schaffens dem Ausnahmelyriker Leonard Cohen gewidmet haben. Ich wollte sie zuerst Musen nennen, aber das ist zu passiv, denn beide haben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich stark an seinem Werk mitgewirkt. Waren nicht nur da, Zierde, sondern haben als künstlerische Sparringspartner Cohen’s Stücke in ihrem Entstehungsprozess begleitet. Und "nebenher" selbst Musik gemacht, von der sich mehr und mehr herausstellt, dass ich sie mag.

Mrs. Robinson und Mrs. Warnes haben natürlich über ihre Zusammenarbeit mit Mr. Cohen berichtet, mir sind heute Abend zwei Interviews über den Weg gelaufen, die ich hier verlinken möchte:

But in 2007, we were working on some material that wound up on Old Ideas. He came over to me one day and said, “Sharon, I think I’m going to have to go on tour. My bank accounts are empty. I went to the ATM and I couldn’t get any money out.”

Sharon Robinson Reflects on Touring With Leonard Cohen

Muss man sich mal vorstellen, Leonard Cohen, der nun wirklich keinen Rock Star-Lebensstil führte, geht zum Geldautomat und kriegt kein Geld mehr. Geht mit 74 Jahren nochmal auf Tour, erst kleine Häuser, dann Hallen, dann Stadien.

So I sang those a cappella and they said, “Get your passport.” It was during that time that I fell in love with him and realized that the line of women was longer than I could deal with. I made a decision to become an artistic friend, a creative friend, rather than a romantic friend because there was no way I could be his only girl.

‘Born to be his conduit’: Jennifer Warnes remembers her friend and collaborator Leonard Cohen

Ich fühle tiefen Respekt für Mrs. Warnes.

So ist es mit den rabbit holes

Man fängt irgendwo an, tiefer zu graben, und wenn man das oft genug gemacht hat, stößt man tief unten auf Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Schächten, die man gebuddelt hat. Oder, um es mit Illuminatus! zu sagen, alles hängt mit allem zusammen.

Und sure enough gibt es natürlich auch den ein oder anderen Faden im Spinnennetz, der Leonard Cohen und Peter Gabriel verbindet. Mr. Gabriel war bis ca. 2011 sehr sparsam mit Cover-Versionen von anderer Leute Liedern, aber Suzanne hat er 1995 für das Album Tower of Songs aufgenommen.

In diesem Sinne, keep diggin‘ 🙂