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digital musik software engineering

Tabs of Yesteryear

Brian Eno, Top-Produzent von Musik für Flughäfen und Aufzüge1, hat ein Kästchen mit Kärtchen. Auf jedem Kärtchen ein Ratschlag, um aus einem kreativen Loch, einer Uninspiriertheit herauszufinden. Hat erstmal nichts mit Musik zu tun, ist einen Blick wert, wenn man feststeckt. Digital unter Oblique Strategie, mit so zufällig ausgespielten Perlen wie:

  • Take away the elements in order of apparent non-importance
  • You don’t have to be ashamed of using your own ideas
  • State the problem in words as clearly as possible
  • u.v.a.m.

1 Okay, außerdem auch noch von U2, David Bowie, Talking Heads, … f*ck! there’s an own Wikipedia category for this!

Die Configuration Complexity Clock fasst ein (vielleicht/vermutlich) nur für Programmierer nachvollziehbares Vorgehen zusammen: Eine gewisse Abneigung gegen einfache Lösungen verbunden mit dem Wunsch „es richtig zu machen“ (im Gegensatz zu „das Richtige, vom Kunden bezahlte“ zu machen). Man beginnt damit, dass ein Programm eine gewisse Konfiguration benötigt, im Beispiel einen änderbaren Umsatzsteuer-Satz. Dazu braucht man eine Konfigurationsdatei und das könnte das Ende vom Lied sein.

Tatsächlich endet es aber öfter als einem lieb ist damit, dass die Konfiguration zu einem Programm in einer selbst-erfundenen Sprache ausartet. Und da es nun ein Programm ist, braucht es bestimmt die ein oder andere Einstellung in einer Konfigurationsdatei. Die Complexity-Clock schlägt Zwölf, das Spiel beginnt von neuem. Details im verlinkten Artikel.

Two Hard Things in Computer Science ist eine Sammlung von Martin Fowler, die ein paar meiner Lieblingsweisheiten zur IT enthält, darunter diese hier:

Kris Köhntopp in einem Twitter-Thread über den Alltag von uns Software-Entwickler:innen:

There are always existing systems that do not fit exactly, but which you are dependent on.

There is always an existing system your code has to fit into.

Hi, I am Kris. I have been working with computers since I am 14 years old, and I am over 50 now.

Die meisten von uns arbeiten nicht an Betriebssystemen und Compilern. Sondern an dem System, mit dem die Firma seit 15 Jahren ihr Geld verdient und an dem schon fünfzig Leute vor uns gearbeitet haben. Nix Drei-Wünsche-Fee. Software-Archäologie.

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musik

Leonard Cohen

Web of Ideas

Es gibt Werke, seien es Bücher oder Musikalben oder Fernsehserien, die entwickeln sich zum Zentrum eines Spinnennetzes oder zum Portal, weisen den Weg zu einer Vielzahl interessanter Dinge. Beispiele für solche Portale sind bei mir die Musik von Peter Gabriel und die Roman-Trilogie Illuminatus! (bitte nicht mit Dan Brown’s "Illuminati" verwechseln).

© Jens Rusch (CC-by-sa/3.0)

Peter Gabriel öffnete mir die Ohren für die Weltmusik, vor allem die afrikanische. Illuminatus! berührt so viele Themen, von den Vätern der Psychoanalyse (Jung, Freud) über Lovecraft zu Verschwörungstheorien, Zahlenmystik, etc. und vor allem dass man so (einen Bockmist/Wahnsinn/genialen Bullshit – wählen Sie selbst) schreiben kann!

Und auch wenn ich Lovecraft selbst bisher ausgelassen habe, gehe ich natürlich mit anderen Augen auf Bücher wie Matt Ruff’s Lovecraft Country zu. Wobei ich heute endlich Colson Whitehead’s The Underground Railroad fertig gelesen habe, hat ja nur drei Jahre gebraucht. Underground Railroad wie Lovecraft Country haben als Schnittmenge, wie die Zeit der Sklaverei die fabric der USA durchtränkt hat, ein Thema, das in Illuminatus! natürlich auch gestreift wird. Das meine ich mit Spinnennetz oder Portal.

Leonard Cohen, Sharon Robinson, Jennifer Warnes

Und nun bin ich ja als letzter Mensch auf Erden (circa) Kunde bei Spotify geworden (inzwischen weiter zu Apple Music) und habe dort Sharon Robinson entdeckt. Fand das Lied Everybody Knows genial, vor allem diese Zeilen:

Everybody knows that you love me baby
Everybody knows that you really do
Everybody knows that you’ve been faithful
Oh, give or take a night or two
Everybody knows you’ve been discreet
But there were so many people you just had to meet
Without your clothes
Everybody knows

*Everybody Knows* ©Leonard Cohen & Sharon Robinson

Was mir so ziemlich die nachsichtigste Art erscheint, über den ein oder anderen Seitensprung zu schreiben. Gleichwie, ich suchte dann die Lyrics und fand erstaunt, dass das ein Leonard Cohen-Song ist. Also von ihm und Sharon. Und von da ging’s in das rabbit hole, ich erinnerte mich, dass ich schon seit früher Jugend den Song First we take Manhattan faszinierend fand. Es muss Jennifer Warnes‘ Version gewesen sein, denn die vielen bestimmt präsentere Joe Cocker-Interpretation kam erst 1999 heraus. (Überhaupt, Joe. Joe ist bestimmt das Zentrum seines eigenen Spinnennetzes, wenn man mal anfängt zu schauen, wen er alles covert.)

Jennifer Warnes – die andere Langzeit-Mitarbeiterin von Leonard Cohen. Die hatte den Song als erste auf Famouts Blue Raincoat, noch bevor Leonard Cohen selbst ihn rausbrachte. Und Jennifer Warnes hatte ich vorher schon auf dem Radar gehabt wegen ihres Covers von Whole of the Moon. Von dem Song wiederum hatte ich zuerst das Cover von Boyzone (Nein, nicht mein üblicher Beritt) gehört, das aus einem ganz anderen Zusammenhang auf meine Playlist gekippt wurde.

Sharon Robinson und Jennifer Warnes also, zwei Frauen, die große Teile ihres künstlerischen Schaffens dem Ausnahmelyriker Leonard Cohen gewidmet haben. Ich wollte sie zuerst Musen nennen, aber das ist zu passiv, denn beide haben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich stark an seinem Werk mitgewirkt. Waren nicht nur da, Zierde, sondern haben als künstlerische Sparringspartner Cohen’s Stücke in ihrem Entstehungsprozess begleitet. Und "nebenher" selbst Musik gemacht, von der sich mehr und mehr herausstellt, dass ich sie mag.

Mrs. Robinson und Mrs. Warnes haben natürlich über ihre Zusammenarbeit mit Mr. Cohen berichtet, mir sind heute Abend zwei Interviews über den Weg gelaufen, die ich hier verlinken möchte:

But in 2007, we were working on some material that wound up on Old Ideas. He came over to me one day and said, “Sharon, I think I’m going to have to go on tour. My bank accounts are empty. I went to the ATM and I couldn’t get any money out.”

Sharon Robinson Reflects on Touring With Leonard Cohen

Muss man sich mal vorstellen, Leonard Cohen, der nun wirklich keinen Rock Star-Lebensstil führte, geht zum Geldautomat und kriegt kein Geld mehr. Geht mit 74 Jahren nochmal auf Tour, erst kleine Häuser, dann Hallen, dann Stadien.

So I sang those a cappella and they said, “Get your passport.” It was during that time that I fell in love with him and realized that the line of women was longer than I could deal with. I made a decision to become an artistic friend, a creative friend, rather than a romantic friend because there was no way I could be his only girl.

‘Born to be his conduit’: Jennifer Warnes remembers her friend and collaborator Leonard Cohen

Ich fühle tiefen Respekt für Mrs. Warnes.

So ist es mit den rabbit holes

Man fängt irgendwo an, tiefer zu graben, und wenn man das oft genug gemacht hat, stößt man tief unten auf Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Schächten, die man gebuddelt hat. Oder, um es mit Illuminatus! zu sagen, alles hängt mit allem zusammen.

Und sure enough gibt es natürlich auch den ein oder anderen Faden im Spinnennetz, der Leonard Cohen und Peter Gabriel verbindet. Mr. Gabriel war bis ca. 2011 sehr sparsam mit Cover-Versionen von anderer Leute Liedern, aber Suzanne hat er 1995 für das Album Tower of Songs aufgenommen.

In diesem Sinne, keep diggin‘ 🙂

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musik reconstructed

Laut-hals beklagte Talent-Verschwendung der Zimmer

laut.de schreibt sich einiges an Frust von der Seele. Warum, warum nur, gibt sich Joana Zimmer mit ihrer tollen Stimme und ihrem Jazz-Hintergrund für „belanglosen Chartsmüll“ her?

Wer zum Henker ist eigentlich dafür verantwortlich, dass ein Talent nach dem anderen auf dem kreativen Friedhof landet, nur weil irgendwelche Manager meinen, sie müssten international gültigen Standards nachhecheln, die zwar kurzfristig Erfolg versprechen, dafür aber ungefähr so aufregend sind wie ein Hundehaufen im englischen Regen? Nebenbei: Celine Dion hat fertig. Von dieser Frau kommt nichts mehr. Deshalb auch ihr Rückzug nach Las Vegas.

Joana Zimmer: My Innermost (CD-Kritik)

Nachdem aber laut.de in Joanas Biographie ihre Zielstrebigkeit hervorhebt, und wir einfach mal davon ausgehen, dass es eben nicht ihr Ziel ist, „belanglosen Chartsmüll“ zu machen, ist unsere Theorie, dass sie jetzt ein oder zwei „böse Musikindustrie“-konforme Alben macht, und vom eingenommenen Geld dann ihre richtige Musik finanziert. Unterdessen hören wir ihr halt bei ihren chartskonformen Singübungen zu. 

Es gibt definitiv Schlechteres. Zum Beispiel der Schlumpf-Refrain von Akon’s „Lonely“.

Übrigens, als ich „Ghetto Gospel“ von 2Pac das erste Mal hörte, dachte ich, „Nanu, singt da einer von der Kelly Family mit?“ — Aber nein, es ist Sir Elton John. Na, dann ist ja gut!

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musik reconstructed

Scala: Schrei nach Liebe

„Scala ist ein Jugendchor aus der belgischen Kleinstadt Aarschot, der von den Brüdern Steven und Stijn Kolacny dirigiert wird. Solche Chöre gibt es natürlich wie Sand am Meer, aber Scala haben sich auf dem Album „Dream On“ einer ganze Reihe von klassischen Pop- und Rocksongs angenommen und sie zu reiner Klavierbegleitung eingesungen.“ (sagt Viva)

Als erste Single haben sie (in Deutschland) „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten herausgebracht. Und es klingt sehr gut! Vor allem, wenn man berücksichtigt, was sonst so aus Belgien kommt. Nein, im Ernst. Schon die Rock-Real-Schule der Ärzte hat gezeigt, dass Ärzte-Songs auch für den Chor-Einsatz geeignet sind.

Ich behalte mir vor, eventuell noch von anderen Songs dieser Art begeistert zu sein! („Unter den insgesamt 21 Titeln (es gibt eine Bonus-CD) finden sich „Dream On“ und „Somebody“ von Depeche Mode, „With Or Without You“ von U2, „Exit Music“ und „Creep“ von Radiohead, „Under The Bridge“ von den Red Hot Chili Peppers, „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, „Kein Zurück“ von Wolfsheim oder eben auch der „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte. Alles vorgetragen mit dezentem belgischen Akzent. – ebenfalls bei Viva, s.o.)

(Veröffentlicht am 3. November 2004, und von Viva hat weder der Sender noch die Website überlebt.)

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Natasha Bedingfield: Unwritten

„These Words“ ist die zweite Single-Auskopplung, sie läuft gerade auf allen aktuellen Radiostationen und stellt die mehrfach (an-)getroffene Aussage „Natasha klingt wie eine Mischung aus Nelly Furtado und Pink“, besonders im etwas ausgeflippten Mittelteil unter Beweis. „These Words“ ist das erste Lied auf der LP, als zweites folgt die erste Single-Auskopplung „Single“, ebenfalls ein sehr schöner Pop-Song über ihren „current single status“, ihre „declaration of independence“.

Schon die hier zitierten Ausschnitte zeigen, dass Miss Bedingfield nicht auf den gewöhnlichen Pop-Wortschatz beschränkt ist, wie er (mit gutem Beat unterlegt, keine Frage), derzeit von Nina Sky präsentiert wird. Zeilen wie „Can you feel the beat within my heart / Can’t you see my love shine through the dark“ wird man auf „Unwritten“ nicht finden. Statt dessen geht es mit dem rockigeren „I’m a Bomb“ weiter, in der Natasha wichtige Anweisungen gibt, was man mit ihr besser nicht macht. „There is no safety-switch“ – yes, indeed!

Dann wird es mit dem Titel-Track „Unwritten“ wieder etwas ruhiger. Für alle Ally McBeal-Psychiaterin-Anhänger: „Unwritten“ eignet sich definitiv als Hymne: „No one else can feel it for you … no one else can speak the words on your lips“. Und da es als Hymne funktioniert, endet es im Gospel-Satz. Sehr schön und definitiv eine Bereicherung des hiesigen Radios, wenn als Single ausgekoppelt würde.

„I bruise easily“ handelt von der Verletzlichkeit des Herzens, als Ballade sehr einfühlsam und definitiv als Weihnachts-Single geeignet. Oder auf die nächste Kuschelrock. (Ja, eigentlich kann jedes Lied auf dieser Platte als Single bestehen, „All Killer, No Filler“ hätte die Plattenfirma als Sticker auf das Cover kleben dürfen!)

Mit „If You’re Gonna“ dreht Natasha die Lautstärke wieder auf! „I wanna go to the extreme, I wanna stretch my limousine“, „Live is music, play it louder!“, „If you’re gonna be singer, then you better be a rock star!“ dokumentiert Natashas Anspruch an sich und ihre Umwelt.

Nebenbemerkung: Was haben Natasha Bedingfield und DJ Bobo gemeinsam? Die Verwendung des Worts „Chihuahua“ in einem Songtext.

Als nächstes fühlte ich mich auf eine Robbie-Williams-Platte versetzt, der Song „Silent Movie“ ist eine Co-Produktion von Guy Chambers (der an neun von zehn Robbie-Hits zumindest mitgeschrieben hat) und Natasha Bedingfield, und ich kann ihn mir ohne weiteres von Robbie Williams gesungen vorstellen. Wobei das nicht heißt, dass Robbie ihn besser gesungen hätte! Natasha zeigt einmal mehr Top-10-Potential, das will ich damit sagen.

Mit „We’re all Mad“ und „Frogs & Princes“ folgen zwei Tracks mit denen ich weniger anfangen kann. Text und Melodie sind tief und schön, es sind aber nicht die Mit-Singer und Mit-Wipper.

„Drop me in the Middle“ ist eine Co-Production von Bizarre (of D12-Fame) und Natasha, wo sie zeigt, dass sie auch auf Rap-Beats singen kann – und Bizzare auf Englisch rappen! (Ah, nicht wirklich.) Der Song klingt nach Fun, hat aber den Natasha-üblichen Tiefgang im Text. Oder wo hört man sonst „Drop me in the middle, so I can make a ripple effect“?

Das Album endet mit einem Tori-Amos-ähnlichen Song namens „Wild Horses“ und einem Demo-mäßigen hidden track: Natasha zur Gitarre mit der Zeile „I’m a non-conformist“ – und das ist gut so! Intelligenter Pop wie man ihn im Radio mit der Lupe suchen muss! Ich freu mich jetzt schon auf Natasha Bedingfields nächstes Werk!