Woher neue Musik kommt

Überall spielt Musik, aber es ist immer nur der gleiche Gammel-Chart-Mix der letzten vier Jahrzehnte?

Also, manchmal hilft es, einfach mal vom Hit-Radio der Qwahl weg zu einem (shocking) Kulturradio zu wechseln. Deutschlandfunk Kultur hat viel Musik im Programm und einiges davon trifft meinen Geschmack auch sehr gut. Heute mittag kam zum Beispiel der Song Tell Me von Joan as Police Woman. Der Name ist mir schon öfter mal über den Weg gelaufen, aber heute war erstens Shazam greifbar und zweitens habe ich inzwischen ja Spotify. Der Nachmittag war damit größtenteils von der Joan untermalt. Diese Art Musik kann ich gut zur Arbeit hören.

Hier at the tail’s end natürlich noch kurz die Erläuterung, dass Shazam eine Wunder-App auf dem Smartphone ist, die Musikstücke identifiziert. Also, im Radio kommt ein Lied das gefällt: Shazam anschalten und binnen Sekunden weiß man, was da läuft. Das geht beim erwähnten DLF Kultur zwar auch über die Website, wo die Playlist des Tages bereitgehalten wird, aber Shazam ist einfach praktischer.

Zweite Quelle für neues Ohrwurmfutter sind auch die Blogs von Leuten wie Jason Kottke und aktuell Tim Bray, der gerade eine Song of the Day (SotD)-Rubrik führt. Natürlich nimmt jede ihre Empfehlungen bitte dort her, wo Mucke nach dem eigenen Geschmack empfohlen wird. nerdcore.de – das ich viel zu selten lese – streut auch immer wieder Musik-Tipps in seinen Feed.

Und dann gibt es noch ein „kuratiertes“ Angebot von Bowers & Wilkens. Die stellen Lautsprecher und Kopfhörer her, und damit sie auch zeigen können, was die Dinger taugen, haben sie eine Art Output-Deal mit Real World Records von Peter Gabriel und dem London Symphony Orchestra. Jeden Monat kommt unter dem Label Society of Sound aus beiden Sparten (World-Pop im weiteren Sinne und sogenannte Ernste Musik) jeweils eine CD-lange Zusammenstellung heraus, die sich die Mitglieder der Society dann herunterladen können.

Und da kam in den letzten Jahren so einiges, das meine Ohren erfreute. Die Society ist zwar mit 40 EUR im Jahr kostenpflichtig, aber ich rechne das immer in CDs um, und bin dadurch recht zufrieden, wenn sich über das Jahr zwei, drei Werke einfinden, die ich als CD gekauft hätte. CD? Ja, hatte ich nicht gesagt, dass ich altmodisch bin?!

Im letzten Jahr gab es unter anderem:

  • Heaven 17 – Not For Public Broadcast : Was Neues von der Alt-Elektrikern
  • Tom Hickox – Monsters In The Deep : Anspieltipp ist der Titeltrack, aber auch Collect all the Empties
  • Speech Debelle – tantil before I breathe
  • Les Amazones d’Afrique – République Amazone – frisch von heute

und auf der E-Musik-Seite (die mich nicht so sehr interessiert):

  • Mendelssohn- Midsummer Nights Dream
  • Dmitri Shostakovich – Symphony No 8
  • LSO – Sibelius – Symphonies Nos 5 & 6

Ein interessanter Fang der letzten Jahre war das Album The Appearance of Colour von John Metcalfe. Das ist der Komponist, der mit Peter Gabriel zusammen die symphonischen Cover-Versionen von Scratch My Back und die ebenso symphonischen Neufassungen von Peter Gabriels Katalog auf New Blood komponiert hat. Hier habe ich ihn als Künstler in eigener Sache kennen- und schätzengelernt.

Kate Bush: Before the Dawn

Kates erstes Live-Konzert seit … Damals!

Kate Bush hat 2014 eine Konzertreihe in London gegeben, und mir ist diese Sensation damals entgangen. Exkurs für Jüngere: Kate Bush macht seit den 1970ern Musik und hat ihren letzten Live-Auftritt vor vielleicht 30 Jahren gegeben. Sie lebt sehr zurückgezogen und bestimmt keinen Rock’n’Roll-Lebensstil.

Zum Glück nicht entgangen ist mir die 3fach-CD, die vor ein paar Tagen herausgekommen und seither nicht mehr aus meiner Playlist herausgekommen ist. Scherz beiseite, die Platte ist für jeden Menschen, der Kate nicht weiträumig umfährt, eine klare Kaufempfehlung.

Der Klang ist sehr gut und Kates Stimme klingt, wie man es von den späteren Platten gewohnt ist. Also nicht mehr „Wuthering Heights“-hoch.

Werkschau in drei Teilen

Die Titel sind von den Alben „Hounds of Love“ (1985), „The Sensual World“ (1989), „The Red Shoes“ (1993) und „Aerial“ (2005), und werden in drei Teilen dargeboten.

Der erste Teil ist eine Greatest Hits-Show, bei dem die Band mit kraftvoll mit „Lily“ startet und bei „King of the Mountain“ endet.

Der zweite Teil wurde theatralisch dargeboten, die Geschichte einer Seefahrenden, die zu Ertrinken droht. Er besteht musikalisch aus der zweiten Hälfte der „Hounds“-LP, „Dream of Sheep“ bis „Morning Fog“. Zum Teil wurde Kate in einem Wassertank schwimmend aufgenommen; Kate ringt um Authentizität in der Perfektion (oder umgekehrt).

Der dritte Teil ist die zweite CD von „Aerial“, „A Sky of Honey“, mit leicht geänderter Titelfolge und erweitert um eine Doppelpremiere: Der Song „Tawny Moon“ ist extra für die Show geschrieben und wird von Kates Sohn Albert (Bertie) McIntosh gesungen (der auch weitere Background-Gesangsparts hat).

Kurz mal Klammer auf: Es gab ja ein sehr gespaltenes Echo im Internet (aber worauf gibt es dort kein gespaltenes Echo?), als Peter Gabriel seine Tochter Melanie mit auf die Bühne nahm. Leute haben sich auch beschwert, dass sie keine Kinder und Nichten von Tori Amos auf einer Tori Amos-Platte hören wollen. Aber, hey, wenn der Schreiner sein Kind mit auf die Baustelle bringt, damit es was lernt, würdet ihr da meckern? Ich nicht. Schon gar nicht, wenn die Kinder ganz offensichtlich begabt sind und/oder tüchtig geübt haben. Klammer darf zu, Danke.

„Tawny Moon“ ragt für mich heraus, nicht nur weil ich mich mit Albert’s Stimme sehr wohl anfreunden kann. Sondern auch, weil der Song vom Songwriting aus der Aerial-Phase herausfällt und ich ihm eher dem „loopigen“ „50 Words for Snow“ zuordnen würde.

Das Album endet mit zwei Zugaben: Mit „Among Angels“ schleicht sich der untypische Song von „50 Words“ ein, den Kate solo am Piano singt. Und „Cloudbusting“ wieder mit Band schließt dieses sehr gelungene Live-Work ab.

Die Band ist natürlich erstklassig. Wer Peter Gabriel kennt, wird in einigen Gitarrenklängen seinen Hofgitarristen David Rhodes heraushören. Der Background Chor hat einiges zu tun, die Begleitharmonien aus drei Jahrzehnten Bush zu liefern. Stellenweise hatte Kate ja mit einem bulgarischen Trio gearbeitet, und auch dies wurde vom Chor sauber reproduziert. Einmal mit Profis arbeiten, dieses Privileg sei Kate Bush gegönnt!

Wirklich rührend sind Kates Reaktionen auf den jubelnden Applaus des Publikums. (Sie ist wirklich keine Rampensau.)

Fazit

Wenn ihr Kate Bush aus den Augen verloren habt, ist das die Gelegenheit, an alte Faszination anzuknüpfen. Eine kraftvolle Werkschau einer schüchternen Ausnahmekünstlerin. Kaufen!

Wer jetzt einen Kritikpunkt sucht: Habe ich! Ich will das dringend auf DVD!