Blog

  • 3,4, Musik

    Andere, denen ich 2020 gerne zugehört habe:

    Gizelle Smith & The Mighty Mocambos

    Amy Winehouse und so gehen okay? Dann vielleicht mal da reinhören. Vertreibt bei mir zuverlässig schlechte Laune. Vor allem mit Gizelle Smith, aber auch ohne spielen die Mocambos herrlichen AfroBeatFunk…

    Joan As Police Woman

    Lieblings-Songs von Joan As Police Woman neben Holy City sind Tell Me (Zen: „What do you want / What do you need“), Valid Jagger (sehr sparsam möblierter Klangraum, in den dann zum Ende eine Orgel geschoben wird) und The Magic.

    Janelle Monáe

    Mit offizieller Empfehlung von William Gibson, slappy bass, beasty brass, tighty texts (was ich eigentlich sagen wollte: Oh ja, gut!!!)

    Morcheeba

    Morcheeba haben so einen entspannten Sound, mit einer Sängerin, der ich gerne zuhöre, dass es eine der wenigern Bands ist, die ich zu konzentrierter Arbeit hören kann. Entweder das Album Big Calm oder die Apple Essentials Playlist, wenn ich nicht weiter darüber nachdenken will.

    Portugal. The Man

    Kennengelernt über’s Radio, schätzen gelernt über die Apple Music Essentials Playlist. Auf der schließt sich an People Say so nahtlos So Young an, dass ich glauben möchte, dass da ein menschlicher DJ am Werk war.

    Überhaupt, People Say, hat krassen Text.

    All the soldiers say
    „It’ll be alright,
    We may make it through the war
    If we make it through the night.“
    All the people, they say:
    „What a lovely day, yeah, we won the war.
    May have lost a million men, but we’ve got a million more.“
    All the people, they say.

    People Say Lyrics

    Bruce Springsteen: Letter To You

    Bruce war mir bisher „zu laut“, bis auf den einen Song da, von dem Philadelphia Soundtrack (neh, nicht der Käse, der Film mit Tom Hanks über AIDS!). Und dann strömen mir im Herbst auf allen Websites, die ich so lese, Empfehlungen entgegen, auf Apple TV „Letter To You“ anzuschauen.

    Bruce Springsteen und die E-Street-Band bei der Arbeit am Album im verschneiten New Jersey, gefilmt in Schwarz-Weiß, die Band bei den Aufnahmen, Erinnerungen von Bruce, und wenn das Lied im Kasten ist, gibt’s einen Schnaps. Vielleicht sind der Boss und ich nun alt genug füreinander …

  • Sponsoring

    Eine Monetarisierung findet nicht statt, habe ich mal geschrieben, erstens, weil das hier zu selten (und dann stoßweise, wer tut so was?!) erscheint, zweitens, weil ich keine Lust habe, die zwei, drei Leute, die hier zufällig vorbeischauen, gleich an den nächsten Internet-Riesen zu verraten und verkaufen.

    Andere Leute leben davon, dass sie schöne⇿schreckliche Dinge finden & forschen und ins Internet schreiben. Cartoons malen. Musik machen. Sie brauchten und brauchen unsere Unterstützung, damit sie nicht ihre Kunst aufgeben und sich eine (buuh!) Anständige Arbeit™ suchen müssen. Daher hier kurz, wen ich letztes Jahr so unterstützt habe (alles Kleinvieh, macht aber hoffentlich über alle doch Mist):

    • $5 / month an The Online Photographer (Mike Johnston), meine Lieblings-Website über alles, was mit Photographie⇿Fotografie zu tun hat. (Patreon)
    • $5 / month an Zach Morrison für seine geisterhafte graphic novel Paranatural (Patreon)
    • $1 / month an Tatsuya Ishida für seine woke Comic-Serie Sinfest (Patreon)
    • $2 / month an Nadja Hermann für ihre notwendigen Debattenbeiträge getarnt als „hässliche, linksgrünversiffte Paint-Comics“ auf Twitter unter @erzahlmirnix (Patreon)
    • €36 / Jahr 1. für den Ehrentitel Lemming und 2. für Joscha Sauer, der erfreulicherweise wieder frische nichtlustig Comics macht. (steadyhq)

    Daneben noch einmalige Spenden an

    • Internet Archive, weil wir ohne Archive halbblind durch die Gegend laufen surfen.
    • Samara Ginsberg, die mit ihren Cello-Arrangements von Film- und Serien-Titelmelodien das dumme Corona-Jahr entscheidend erträglicher gemacht hat. (Twitter, Youtube siehe unten) (Ko-Fi)
    • George Nachman für den schönen und funktionsreichen macOS Terminal-Ersatz iTerm2 (Donate)
    • … und ein paar Euro/Dollar an den/die Entwickler:innen, wann immer ich beim Einsatz eines freien Tools daran dachte, wie viel leichter es mein Leben/meine Arbeit macht.
    Sehet, welchen Kult Samara Ginsberg aus 80er Trash-Serien macht!
  • 1, 2, Musik

    Rena Mushonga: In A Galaxy

    Eine Entdeckung, die ich dem DeutschlandRadio Kultur zu verdanken habe, die spielten Narcisc0 vom Album In A Galaxy. Und dann habe ich mir, Streaming Diensten sei Dank, das ganze Album angehört. Davon gefällt mir eine ganze Menge. Die Songs sind eher laid-back, ihre Melodien und ihre Stimme sind toll, und Narcisc0 …

    Nun, Narcisc0 könnte in seiner Rohform in den Studiokellern von Phil Collins, Peter Gabriel oder einem der anderen 80er-Feinmusiker liegen. Um es mit David Byrne zu sagen:

    This groove is out of fashion
    These beats are 20 years old

    David Byrne, Strange Overtones

    … und trotzdem/deswegen gefällt mir der Song immer noch von allen am besten.

    P.S.: Und während ich diesen Artikel schreibe, sehe ich, dass Rina Mushonga zusammen mit Faultline ein Cover des Genesis-Songs Follow You, Follow Me gemacht hat. So ein Zufall 🙂

    P.P.S.: Von dem Song Strange Overtones gibt es neben dem Original

    eine Bläser-gestützte Live-Version mit St. Vincent (Love That Giant)

    und inzwischen ein brauchbares Cover von Whitney.

    Mh, ja, diesen Artikel haben irgendwie die post scripta übernommen.

    Dua Lipa: Tiny Desk (Home) Concert

    „this is the best thing that has every taken place inside of a papaya“, youtube commenter by Katie Cooke

    Ich kannte Dua Lipa nur über einen Umweg, mein Sohn war irgendwann über tiktok auf „Did a full 180“ gelooped. (Der Song heißt Don’t Start Now und ist in diesem netten kleinen Konzert der letzte.) Okay, dachte ich, halt so ’ne Dance-Nummer, wie sie schwedische Produzenten zu tausenden ausspucken. Aber wenn ich mir dieses Konert so anschaue, sehe ich da (genug) musikalische Substanz und eine gewisse Eigenständigkeit der Künstlerin, um mein Urteil zu revidieren.

    Levitating und Love Again gehören auch als Album-Versionen (Future Nostalgia) zu meinen Songs des Jahres 2020.

    Bonus Props for playing the drum track from a cassette player, millenials take note 🙂

    Weitere Tiny Desks

    Alicia Keys

    Alicia Keys needs no introduction. Und wer wie ich die Stadion-füllende, Linda Perry-Songs schmetternde Alicia nicht so sehr mag, die „frühe“ (wie albern bei einer noch nicht mal 40jährigen Künstlerin) Intimität von Songs in A Minor aber sehr, wird sich gerne zu ihrer Crew an den Tiny Desk setzen.

    Sudan Archives

    Eher ungewöhnlich ist eine Lead-Sängerin mit Violine, aber Sudan Archives bekommt das hin. Macht Lust auf mehr.

    NPR (National Public Radio) ist das ähnlichste, was die USA zu einem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk haben, und eine der Institutionen, die Donald Trump noch nicht komplett kaputt gemacht hat. Er arbeitet daran, aber hoffen wir, dass es ihm in den letzten Tag seiner „Amts“-Zeit nicht gelingt.

  • In den Apfel-Arkaden

    Ein Jahr mit Apple Arcade.

    … what you paid for?

    Apple Arcade ist ein Abonnement-Angebot, das Apple Ende 2019 gestartet hat. Die Spiele kommen von bekannten Studios und auch von unabhängigen Entwicklern (Indipendents). Dementsprechend variieren Themen und auch die Qualität. Definitiv gibt es bei Apple Arcade Spiele, die man sonst eher nicht findet, Ideen, die vielleicht aus Hackathons entstanden sind und hier die Gelegenheit zum Ausreifen bekommen haben.

    Was Apple Arcade nicht hat sind In-App-Käufe, das heißt, alle nervige Spielmechanik, die einem zum Kauf von irgendwas nötigen soll, fällt gleich mal weg, was sehr angenehm ist.

    Alle Spiele sind auf iOS (iPhone, iPad) und macOS verfügbar.

    Alba: A Wildlife Adventure

    App Store Entwickler

    Story: Zwei Mädchen, die auf einer mediterranen Insel Urlaub machen, dabei Tiere beobachten und so nützliche Dinge tun, wie das lokale Naturschutzgebiet restaurieren und eine Bestechungsaffäre um einen Hotel-Neubau in eben diesem Naturschutzgebiet aufdecken.

    Gameplay: Man läuft als Alba über die Insel, fotografiert Vögel mit dem Smartphone, das sie per App dann gleich noch identifiziert, sammelt Müll ein, findet einen Fuchsbau, spricht mit den Einheimischen. Ja, eher geruhsames Gameplay, aber in wundervoll eingefangener Insel-Atmosphäre und mein kleiner Spanien/Mallorca-Urlaub auf dem Handy.

    Honestly, a feel-good game about running around and doing good deeds

    https://www.albawildlife.com

    Zeit: Wenn man sich Zeit lässt, kann man ein paar Tage immer mal wieder eine neue Ecke der frei begehbaren Inselwelt aufräumen. Es gibt viele Zwischenziele (Vögel von Dreck befreien, Archeologen bei der Restauration der Burg unterstützen), mit den Einheimischen reden.

    Grindstone

    App Store

    Mein Top-Zeitfresser 2020, Monster farbsortiert in Reihe verkloppen, dabei Diamanten einsammeln, die man in der Kneipe in frische Lebensenergie, beim Schmied in Schilde und Rüstungen und im Abenteuerbedarf gegen Pfeile und Gifttränke eintauschen kann. DerHauptdarsteller hat auch ein herrlich verzweifeltes Gesicht, mit dem man sich voll identifizieren kann. Schwierigkeitsgrad steigt über die 100+ Level sanft aber spürbar an. Manchmal hilft auch einfach nur Glück.

    Reigns: Beyond

    App Store Entwickler

    In der bewährten Manier, in der man Karten links/rechts wischte, um ein Königreich zu regieren, kann man nun ein Raumschiff steuern. Die Crew ist gleichzeitig deine Band, mit der du durch’s All tourst. Der Bord-Computer ist ein bisschen paranoid, und ich bin auch nach vielen Lichtjahren nicht dahinter gekommen, wie ich diese eine Tür auf Deck A öffnen kann.

    Macht man auf einem Planeten Station, kann man dort unter Umständen einkaufen oder eine Kneipe besuchen, manchmal darf man auch einen Gig spielen. Dazu nimmt man eine zum planetaren Publikum passende Gitarre aus der Sammlung und versucht, die auf einer „Tonspur“ entlang fliegenden Herzen einzusammeln.

    Die Raumkämpfe sind hart und durch logisches Nachdenken nicht zu gewinnen, stattdessen muss man die Entscheidung wählen, die das Schiff in der Kampfanzeige in Richtung des feindlichen Raumschiffs dreht; dann hat man die Chance, ein paar Photonentorpedos auf den Reaktor der Gegner zu schießen.

    Auch eine großartige Zeitverschwendung für Zwischendurch, allerdings mit hohem Frustpotential, weil die Hinweise, wie man zu bestimmten Dingen oder Events kommt, sehr dünn gesät sind.

    Doomsday Vault

    App Store Entwickler

    Ein klassischer Puzzler mit Kistenschieben a la Sokoban, Abpassen von günstigen Gelegenheiten, nicht erschossen zu werden, Schalter hier umlegen, um dort weiterzukommen. Story: Roboter rettet aus verschiedenen Ruinenlandschaften Pflanzensamen für einen Neustart des zerstörten Planeten. Nett, aber irgendwann bin ich hängengeblieben; vermutlich ein inzwischen behobener Bug.

    Jenny LeClue – Detectivu

    App Store Entwickler

    Ein schönes, langes, altmodisches Adventure, bei dem eine junge Detektivin in der Geschichte und im Untergrund ihrer Stadt forscht und dabei ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur kommt. Fein. Gern mehr davon.

    Mutazione, eine Mutanten-Seifenoper

    App Store Entwickler

    Ein Spiel in gedeckten Farben, über eine junge Frau, die auf die Insel zurückkehrt, von der ihre Familie vor einer Katastrophe geflohen ist. Die verbliebenen Einwohner, darunter der kranke Opa der Protagonistin, sind allesamt etwas seltsam .. mutiert. Die junge Frau macht sich daran, Opa zu heilen, alte Freundschaften wiederzubeleben, indem sie Gärten anlegt/reaktiviert und wieder etwas Harmonie in die Inselgesellschaft bringt.

    Ein eher melancholischer Zeitvertreib, mit dem ich nicht gleich warm wurde, der mir aber dann doch sehr ans Herz gewachsen ist.

    Neo Cab

    App Store Entwickler

    In einer nahen Zukunft: Junge Frau fährt Taxi, unterhält sich mit ihren Fahrgästen. Super-Langweilig? Kommt darauf an, ob einen die Gespräche, die mit den Fahrgästen entstehen, interessieren …

    Cyber Space Fans sollten einen Blick riskieren.

    Tangle Tower

    App Store

    Noch ein Adventure, noch eine Detektivgeschichte, noch eine Insel? Ja, aber durch ein paar eigen(willig)e Ideen und eine sehr verdrehte Familiengeschichte, die sich in sehr verdrehter Architektur niederschlägt, eine nette „Whodunnit“-Geschichte.

    Where Cards Fall

    App Store

    Ein Puzzler mit einer innovativen Spielmechanik: Kartenhäuser.

    Nein, nicht die Sorte, die leicht zusammenfallen, da muss schon ein ordentlicher Windstoß kommen. Die Kartenhäuser hier sind ein- bis dreistöckig, mit Flach- oder Giebeldach, und eignen sich dadurch, richtig kombiniert, der Spielfigur einen Weg von Start zum Ziel ebnen.

    Das Spiel zeigt nach jedem Level eine Zwischensequenz, die traumartig die Stufen im Leben des Protagonisten widerspiegeln. Ohne Dialog, ohne Erklärung, muss man sich selbst denken, ob die Szene gerade das Ende der ersten Liebe gezeigt hat.

    Fazit

    Für einen Gelegenheitsspieler wie mich ist Apple Arcade gut angelegtes Geld. Es kommen ca. einmal im Monat ein oder zwei Spiele dazu, die man sich anschauen und entscheiden kann, ob sie einem gefallen. Es werden eigentlich alle Genres bedient, auch wenn diese persönliche Übersicht eher Adventure- und Puzzler-lastig ausgefallen ist. Die Spielideen und die grafische Umsetzung sind abwechselungsreich und gerade die etwas seltsamen Spielen erobern oft mein Herz.

  • To The Jackpot

    (Das Jahr in Büchern.)

    (Und, Nein, ich habe nicht annähernd soviel gelesen wie ich hätte können oder vielleicht sogar sollen.)

    William Gibson „Agency“

    Ich weiß nicht mehr, wer das Video empfohlen hat, aber taugt gut als Titel-Sequenz für William Gibson’s aktuelle Jackpot-Trilogie. William Gibson, der Erfinder des Cyber Space, rückt mit seinen vormals in einer fernen Zukunft spielenden Büchern immer näher an die Gegenwart, wird zum Teil während des Schreibens von ihr überholt. („20 Minutes into the Future“, wie Max Headroom damals.)

    Mich hat der zweite Teil der Trilogie „Agency“ relativ kalt gelassen. Die Dialogteile der KI waren sehr gelungen, aber der Rest der Handlung war nur ein rastloses Hin und Her zwischen locations.

    Ich bin gespannt, wie der dritte Teil die Reihe fortführt.

    Colson Whitehead „The Underground Railroad“

    Dieses Buch schildert das Verbrechen Sklaverei an einigen wenigen Personen, es macht deutlich, wie die Gewalt aus diesen Jahren bis heute die Politik formt. Es wirft ein Licht auf das unglaubliche Unterfangen, unterirdische Eisenbahnlinien zu bauen, um geflohene Sklaven in den halbwegs sicheren Norden zu bringen. Und auf das white privilege, über rechtschaffene Bürger herzufallen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben. Und dann, wie um zu bestätigen, dass das alles nicht vergangen ist, George Floyd.

    Steve Hackett spielt mit Country- und Eisenbahn-Motiven in seinem Song „Underground Railroad“, der unter anderem auch von Colson Whitehead’s Bestseller inspiriert ist. => UNDERGROUND RAILROAD (Steve Hackett’s Blog)

    NB: Was ein Küstenverlauf der Kreidezeit mit den amerikanischen Prsäsidenschaftswahlen zu tun hat:

    The voting pattern of those counties on the map follows the Cretaceous coastline of 100 million years ago — the plankton fell, the cotton grew, the enslaved people bled into that rich soil, and their descendants later helped a black man reach the White House.

    How the Cretaceous Coastline of North America Affects US Presidential Elections

    Wikipedia dazu.

    Amal El-Mohtar, Max Gladstone: This Is How You Lose the Time War

    Ein Buch, mit dem man die englische Sprache lieben lernen kann. Zwei widerstreitende Kräfte binden und lösen die Stränge der Zeit, wie sie es brauchen, um ihrem jeweiligen Ziel näher zu kommen. Zwei Kämpferinnen dieser Kräfte beginnen eine Korrespondenz miteinander und die Sprache ihrer Briefe ist reine Poesie. Details zur Story verrate ich nicht 🙂 Ein Buch zum Schwelgen!

    Matt Ruff: 88 Names

    Hach, ich mag Matt Ruf, aber wie wenig andere „meiner“ Schriftsteller hat er eine fatale Tendenz, einem sehr guten ein eher mittelmäßiges Buch folgen zu lassen.

    • Fool On The Hill, großartig; Sewer, Gas, Electric, meh
    • Set This House in Order, herzzerreißend; Bad Monkeys, fantastisch; The Mirage, ja mei!
    • Lovecraft Country, meisterhaft; 88 Names, mh-kay

    88 Names schien mir stellenweise wie eine Variation zum Thema von REAMDE von Neal Stephenson, plus Cyber-Sex, minus NRA-Sponsoring. Naja, wenn das jetzt das nicht-so-gute Buch war, ist das nächste wieder großartig, ja?

    (Von Neal Stephenson steckt ein angebrochenes D.O.D.O. im Kindle, vielleicht wird das 2021 mal was. Ich verspreche nichts!

  • Rekonstruktion der Explosion im Hafen von Beirut

    In unglaublicher Detail-Arbeit hat das Forensic Architecture Team Videos aus verschiedenen Perspektiven von der riesigen Explosion im Beiruter Hafen zeit-synchronisiert und damit den Ablauf der Katastrophe nachgezeichnet. Von der Synchronisierung der Videos anhand von Farbe und Form der Rauchwolken bis zur Anordnung der einzelnen Güter in dem Lagerhaus, in dem der Dünger explodierte, zeichnet das Video die Schritte zur Rekonstruktion nach. Faszinierend.

    THE BEIRUT PORT EXPLOSION

  • ffr;lr

    for future reference; long reads

    20 Macs for 2020

    Six Colors hat eine für Mac-Fans lesenswerte Serie über die 20 wichtigsten Macs aller Zeiten zusammengestellt:

    With this year marking the turn of decades (in some particularly disastrous ways, as it turns out), I decided to construct a list of the 20 most notable Macs in history. Over the next 20 weeks, I’ll post essays, podcasts, and videos about each of them, counting down to number one.

    Jason Snell, 20 Macs for 2020

    Die Einführungsseite hat Links zu allen zwanzig portraitierten Macs. Unter ihnen finden sich auch umoffensichtliche Kandidaten wie der DayStar Genesis MP, der der Mac-Plattform den Umgang mit mehr als einem Prozessor beibrachte. Und der Power Mac G4 Cube, der mehr für’s Museum als für den Schreibtisch entwickelt worden war.

    Zu jedem Mac gibt es sowohl Text als auch Video, und, Nein, der Original Mac ist nicht die Nummer Eins.

    Order Without Design

    Devon Zuegel ist eigentlich bei GitHub für das Sponsoren-Programm zuständig, hat aber ein reges Interesse an Städtebau. Mit Marie-Agnes and Alain Bertaud hat sie inzwischen vier Folgen des Podcasts Order Without Design aufgenommen, mit so interessanten Themen wie der Müllentsorgung in Disneyland und ob und wie sie auf „echte“ Städte übertragbar ist. Ist auf meiner read later-Liste, denn die Podcasts sind zumindest teilweise transkribiert.

    Bisher erschienen:

    Wie man sich eine Zeitschrift hält

    Peter Thiel ist, zusammen mit den Koch Brothers und ein paar anderen Milliardären, der Bond Villain, den die USA „verdienen“.

    Peter Thiel is a billionaire serial entrepreneur, venture capitalist, and the most prominent supporter of President Trump in Silicon Valley. And in a world where money is power, Thiel is not afraid to wield his power.

    How Peter Thiel and the Stanford Review Built a Silicon Valley Empire

    In diesem Bericht geht es darum, wie Peter Thiel in seiner Studentenzeit eine Campus-Zeitung – Stanford Review – gründete und durch die Jahre (auch nach seinem Abschluss) die Kontrolle über sie behielt und dazu nutzte, ein Netzwerk aus Gleichgesinnten zu bilden.

    Ich habe es noch nicht zu Ende gelesen, daher hier keine weiteren Details. „;rl“ for a reason.

  • Richtig alte Computer

    Richtig alte Computer

    Ein Bericht von einem, der auszog, eine Mandelbrot-Menge (eine berühmte Sorte Fraktal) auf einem Computer aus den 1960er Jahren zu berechnen. Der IBM 1401 (Wikipedia) hat ein paar für uns heute überraschende Eigenschaften: Er rechnet mit Dezimalzahlen (Binare Code Digits, BCD) und arbeitet mit variabler Wortgröße (wo Computer sonst fest mit 8, 16, 32 oder 64bit-Wörtern arbeiten). Der Artikel kombiniert die tiefen technischen Einblicke mit den Mietpreisen, die IBM damals für das jeweilige Feature haben wollte 🙂

    The 1401 I used is the Sterling model which it supports arithmetic on pounds/shillings/pence, which is a surprising thing to see implemented in hardware. (Up until 1971, British currency was expressed in pounds, shillings, and pence, with 12 pence in a shilling and 20 shillings in a pound. This makes even addition complicated, as tourists often discovered.) By supporting currency arithmetic in hardware, the 1401 made code faster and simpler.

    ebd.

    12-minute Mandelbrot: fractals on a 50 year old IBM 1401 mainframe

    … und noch viele weitere tiergehende Analysen von historischen Computern, Chips und ihren Bestandteilen. Lesestoff für ein, zwei Lockdowns.

  • Tabs of Yesteryear

    Brian Eno, Top-Produzent von Musik für Flughäfen und Aufzüge1, hat ein Kästchen mit Kärtchen. Auf jedem Kärtchen ein Ratschlag, um aus einem kreativen Loch, einer Uninspiriertheit herauszufinden. Hat erstmal nichts mit Musik zu tun, ist einen Blick wert, wenn man feststeckt. Digital unter Oblique Strategie, mit so zufällig ausgespielten Perlen wie:

    • Take away the elements in order of apparent non-importance
    • You don’t have to be ashamed of using your own ideas
    • State the problem in words as clearly as possible
    • u.v.a.m.

    1 Okay, außerdem auch noch von U2, David Bowie, Talking Heads, … f*ck! there’s an own Wikipedia category for this!

    Die Configuration Complexity Clock fasst ein (vielleicht/vermutlich) nur für Programmierer nachvollziehbares Vorgehen zusammen: Eine gewisse Abneigung gegen einfache Lösungen verbunden mit dem Wunsch „es richtig zu machen“ (im Gegensatz zu „das Richtige, vom Kunden bezahlte“ zu machen). Man beginnt damit, dass ein Programm eine gewisse Konfiguration benötigt, im Beispiel einen änderbaren Umsatzsteuer-Satz. Dazu braucht man eine Konfigurationsdatei und das könnte das Ende vom Lied sein.

    Tatsächlich endet es aber öfter als einem lieb ist damit, dass die Konfiguration zu einem Programm in einer selbst-erfundenen Sprache ausartet. Und da es nun ein Programm ist, braucht es bestimmt die ein oder andere Einstellung in einer Konfigurationsdatei. Die Complexity-Clock schlägt Zwölf, das Spiel beginnt von neuem. Details im verlinkten Artikel.

    Two Hard Things in Computer Science ist eine Sammlung von Martin Fowler, die ein paar meiner Lieblingsweisheiten zur IT enthält, darunter diese hier:

    Kris Köhntopp in einem Twitter-Thread über den Alltag von uns Software-Entwickler:innen:

    There are always existing systems that do not fit exactly, but which you are dependent on.

    There is always an existing system your code has to fit into.

    Hi, I am Kris. I have been working with computers since I am 14 years old, and I am over 50 now.

    Die meisten von uns arbeiten nicht an Betriebssystemen und Compilern. Sondern an dem System, mit dem die Firma seit 15 Jahren ihr Geld verdient und an dem schon fünfzig Leute vor uns gearbeitet haben. Nix Drei-Wünsche-Fee. Software-Archäologie.

  • Timeworks Publisher 2 und die Schul-Chronik

    Ein wenig persönliche Personal Computer Archäologie: Wir schreiben das Schuljahr 1991/92, mein Gymnasium feierte sein 70jähriges Bestehen und wollte aus diesem Anlass eine Schul-Chronik herausgeben. Mein Vater, Lehrer an diesem Gymnasium, erhielt den ehrenvollen Auftrag, die Erstellung dieser Chronik zu leiten. Er stellte eine Textverarbeitungs-AG (Arbeitsgemeinschaft) aus fünf Schülern zusammen, darunter ich. 

    Die kommenden Wochen und Monate waren von sehr intensiven, arbeitsamen, chaotischen Nachmittagen im Computer-Raum der Schule geprägt. (Bis kurz davor war der Computer-Raum das schwer gehasste Sprachlabor. Dessen wertvolle Tonband-Ausstattung wurde dann eines Tages abtransportiert, ohne dass ihr irgendjemand eine (dokumentierte) Träne nachgeweint hätte.) Dieser Computer-Raum hatte (wenn Die Erinnerung™ nicht trügt) circa zwölf Rechner für die Schüler und einen für die Lehrkraft. Möglicherweise waren es 386SX Clone mit MS-DOS. Das Setup wurde komplettiert von einem HP DeskJet 500 und einem im abschließbaren Nebenraum untergebrachten Novell Netware Server.

    Ein konservatives Zwei-Spalten-Layout, durchgehende Serif, keine Tausend-Schriftarten-Happy-Hour. Anzeigen und Fotos nicht gescannt, sondern in die unter andächtiger Stille mit 300dpi ausgedruckten jetzt wirklich endgültigen Seiten geklebt.

    Während andere sich darum kümmerten, Sponsoren und Werbekunden für die Chronik zu gewinnen, treibt mein Vater eifrig Artikel von Kolleginnen und Kollegen, von den Verantwortlichen der Stadt, von den Altvorderen ein. Irgendwann kamen die ersten Rückläufer und damit die Aufgabe, aus den Texten tatsächlich ein Buch zu layouten. 

    Da Öffentlicher Dienst im Allgemeinen und Schulen im Besonderen in Deutschland ja nichts kosten dürfen, ist die Software-Ausstattung frugal. Als Textverarbeitung ist Context Pro installiert, ein Programm, das damals vermutlich eine eingeschworene Fangemeinde hatte (wohl auch den Vobis PCs beilag), aus deutschen Landen stammte und vermutlich billig (im Gegensatz zu Word oder WordPerfect) zu haben war. Damit ließen sich die Texte, wo es notwendig war, digitalisieren, will sagen abtippen, und in einem gemeinsamen Verzeichnis auf dem Netware-Server in Sicherheit bringen. (Möchte nur anmerken, dass es dem Engagement einzelner Lehrer zu verdanken war, dass die Computer einzeln und im Netz überhaupt funktionierten. Unbezahlte Mehrarbeit, gerne genommen, selten bedankt.)

    Schon damals las ich die c’t (Testbericht aus der c’t 6/1990) und konnte damit auf Papas Frage nach einem Layout-Programm den Timeworks Publisher empfehlen – von dem wir dann auch eine Lizenz beschaffen ließen. Timeworks war ein DTP-Programm auf GEM-Basis, eine frühe Alternative zu Windows. (Atarianer kennen es als Oberfläche ihres TOS.) Man brauchte kein GEM für den Publisher, der brachte eine Runtime (Laufzeit-Umgebung) gleich mit, und sah damit für ein PC-Programm ziemlich schick aus. (Screenshots von Timeworks Publisher 2 für den PC scheint es keine zu geben, aber wer danach sucht, kann sich an den Atari-Screenshots orientieren.)

    (Hier ein Bericht über die Atari-Ausgabe, die mit dem von uns benutzten PC-Produkt ziemlich übereinstimmen sollte: Timeworks Publisher 2 – DTP aus England)

    Wir Computer-Dompteure hatten eine wilde Zeit, Texte zu digitalisieren und zu redigieren (in Context), dann in den Publisher zu übernehmen und dort zu einem (recht konservativen Zwei-Spalten-) Layout zusammenzufügen. Erleichtert wurde die Arbeit dadurch, dass der Publisher als relative Neuheit für ein DTP-Programm es zuließ, die Texte direkt im Layout zu editieren, um zum Beispiel noch zwei Wörter zu kürzen, damit der Text auf den ihm zugemessenen Platz passte.

    Es hat Spaß gemacht, Timeworks DTP auszuloten. Es kostet Zeit, aber der Aufwand lohnt. Das Programm ist noch vergleichsweise leicht zu bedienen, erfordert aber schon einen gewissen Übungsaufwand. Timeworks DTP bietet viele Funktionen, die es als vollwertiges Desktop-Publishing-Programm ausweisen. Ein deutliches Manko sind in erster Linie die wenigen direkt lesbaren Fremdformate für Text- und Grafikdateien. Trotz einiger Fehler und Macken hinterläßt Timeworks DTP den Eindruck, ein praxistaugliches Programm für den allgemeinen Büroalltag zu sein.

    Fazit des c’t Testberichts „Mittelklasse – Vier Low-Cost-DTP-Programme im Vergleich“, in c’t 6/1990, S. 90ff

    Erschwert wurde die Arbeit durch selbstverständlich inkompatible Speicherung von Umlauten, d.h. jeder Text aus Context musste im Publisher nochmal mit seinen Original-Umlauten versehen werden. Ebenso war der DeskJet zwar im Netzwerk eingebunden, man konnte ihn aber durch überschneidend abgesetzte Druckaufträge mit Leichtigkeit ins Chaos stürzen. Ein Zustand, in dem er in Windeseile seine teure Tinte in großen Buchstaben auf seitenweise Papier spritzte. Bis man ihn abgeschaltet, die Druckerqueue gelöscht und alles wieder in Betrieb genommen hatte. Wir haben mehrfach zum Großen Anlagen Hauptschalter im Lehrerpult gegriffen, um Schlimmeres zu verhindern. Drucken war danach eine durch Zuruf zu koordinierende Angelegenheit. Aber da der Computer-Raum an diesen wilden Tagen uns gehörte, war das dann kein Problem. 

    HP DeskJet 500 im Festtagsmodus (300 dpi), getreulich von der Druckerei reproduziert.

    Den Widrigkeiten der mittelalterlichen IT zum Trotz, wir haben es geschafft. Vor Ende des Schuljahres waren die Druckvorlagen fertig, auf die dann an den passenden Stellen noch die Fotos eingeklebt wurden. Dann ging das ganze zur Druckerei. Nix da digitale Druckvorstufe. Als Papierhaufen. Und zu den Feierlichkeiten am Jahresende hatten wir eine feine Chronik, die unsere Schule gerne und erfolgreich an Eltern, Ehemalige und sonstige Interessierte verkaufte.

    Ein hübsches Fundstück zu Context, aus einem Bericht über die „EDV beim OLG Oldenburg„:

    Als Textverarbeitung wird im ganzen Haus – zur Verblüffung mancher Besucher – nicht ein renommiertes Programm, etwa WORD oder WORDPERFECT, eingesetzt, sondern CONTEXT 4.0, ein vom DMV-Verlag vertriebenes Programm mit ausreichend gutem Funktionsumfang, von dem eine Netzwerklizenz unter 40,- DM kostet. Es spricht vieles für eine solche Wahl. Zunächst muß man sich vor Augen halten, daß die Anforderungen an das vom Gericht produzierte Schriftgut bei Licht betrachtet doch recht bescheiden sind, so daß zahlreiche Funktionen „großer“ Programme ohnehin nie benötigt würden. Dann ist zu bedenken, daß – jedenfalls im Grundsatz – ein Programm um so schwieriger zu bedienen ist, je mehr Funktionen es enthält. Insoweit kann „small“ wirklich „beautiful“ sein. Zwar kann CONTEXT natürlich bei weitem nicht soviel, wie die genannten Spitzenprogramme, es hat aber – neben dem sehr viel niedrigeren Preis – eben den ganz großen Vorteil, äußerst leicht bedienbar und erlernbar zu sein.

    Im Norden manch Neues:
    Ein Lagebericht zur Entwicklung der EDV im OLG Oldenburg
  • OS/2 Museum, auch DOS, Netware, Hardware in der Ausstellung

    OS/2 Museum, auch DOS, Netware, Hardware in der Ausstellung

    Eine Fundgrube an allerhand Hard- und Software-Kuriositäten ist das OS/2 Museum von Michal Necasek. Während die ersten Beiträge noch tatsächlich von OS/2 und seiner wechselvollen Geschichte vom Hoffnungsträger zum vernachlässigten Scheidungskind von IBM und Microsoft handelten, werden inzwischen auch Novell Netwareältere Hardware und ihre Emulation und zuletzt das gute alte Microsoft Basic (GW-BASIC) behandelt.

    Manchmal geht es wirklich tief hinein, wie beim Vergleich verschiedener Revisionen einer obskuren Soundkarte. Wem das nicht passt: Es gibt noch mehr zu entdecken.

  • Aus dem Atari ST-Entwicklungsteam

    Aus dem Atari ST-Entwicklungsteam

    Dadhacker war Entwickler bei Atari, als Jack Tramiel, gerade bei Commodore gefeuert, 30 Millionen Dollar zusammenkratzte und den kriselnden kalifornischen Games & Computer-Pionier übernahm. Er wurde dann Teil des Teams, das das von Shiraz Shivji konzipierte Design zum Leben erweckte. Seine Erlebnisse, unter anderem auch die Zusammenarbeit mit (CP/M- und GEM-Entwickler) Digital Research für das Betriebssystem und die grafische Benutzeroberfläche des ST, hat er in zwei sehr unterhaltsam geschriebenen Beiträgen festgehalten:

    Update 2023-07-23: Links auf die Original-Seite funktionieren nicht mehr, für Links auf die von web.archive.org gesicherten Seiten von diesen und weiteren Artikeln siehe: Dadhacker and the Making of the Atari ST

    Und wenn ihr da durch seid (oder Atari euch nicht interessiert), schaut euch seine anderen Stories an, er war/ist noch bei anderen Konzernen (u.a. Apple) aktiv.

  • Gepard, eine deutsche 68000er-Workstation

    Gepard, eine deutsche 68000er-Workstation

    Das Blog Rare & Old Computers hat eine mehrteilige Reihe über eine deutsche Entwicklung aus den 1980er Jahren, den Gepard. Basis ist der Motorola 68000, damit stellt sich das System in eine Reihe mit dem Ur-Macintosh, dem Atari ST und dem Amiga, bzw. vom Anspruch eher zu den Workstations von SUN. Der Markt hat sich „daran vorbeientwickelt“, und ich habe aus diesem Blog zum ersten Mal von ihm gehört. Daher hier für alle interessierten Computer-Archäolog_innen der Tipp, sich die ausführliche Dokumentation des Gepard von Fritz Hohl durchzulesen: Gepard – An early German 68000 hobbyist workstation

  • The Fugitive Game

    The Fugitive Game

    Jonathan Littmann: The Fugitive Game, Online with Kevin Mitnick, The Inside Story of the Great Cyberchase (1996)

    Das Buch, das diesen länglichen Titel trägt, ist im Wesentlichen ein Stapel Protokolle von Telefongesprächen, die Kevin Mitnick mit dem Autor geführt hat, während er auf der Flucht vor dem FBI war. Mitnick war zuvor schon in einem der ersten Hacker-Prozesse für schuldig befunden worden und befand sich auf Bewährung „draußen“. 

    Er versuchte, Arbeit zu finden, aber da er ein verurteilter Cyber Criminal war, gestaltete sich das schwierig. Immer, wenn er eine Job-Zusage hatte, die im entferntesten mit Computern zu hatte, rief sein Bewährungshelfer den prospektiven Arbeitgeber an und klärte ihn über die Vergangenheit von Mitnick auf. So kann man keine ehrliche Arbeit finden, insofern ist es verständlich, das Mitnick untertauchte und unter neuer Identität an einem anderen Ort, abseits des sonnigen Kalifornien, nach neuem Glück suchte.

    Soweit die Vorgeschichte, ungefähr das vordere Viertel des Buches. Dann kommt die Zeit, in der Mitnick mit dem Autor des Buches stundenlange Telefongespräche über seine Vergangenheit und Zukunft führt. Die Gegenwart, weil vermutlich strafrechtlich relevant, wird peinlich vermieden. Das letzte Fünftel des Buchs nimmt dann Medienschelte ein. Warum?

    Mitnick wurde zunächst nicht vom FBI verfolgt. Das hatte kein Interesse an einem Hacker, der seine Bewährungsauflagen verletzt hatte und untergetaucht war. Die Leute, in deren Computer er angeblich eingebrochen war und über die er sich lustig gemacht hatte, waren es, die ihn im Knast sehen wollten. Ein DEC VAX-Experte aus Großbritannien, der Mitnicks social engineering aufgesessen war, gehörte genauso dazu, wie die klassischen Gegner der Hacker, die Telefonkonzerne. 

    Schließlich soll Mitnick einem kalifornischen Sicherheitsspezialisten gehackt haben, natürlich unrühmlich für einen, der andere in Sachen Sicherheit berät. Ob er es tatsächlich war, ist zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buchs ungeklärt, aber eben dieser Spezialist Tsutomu Shimomura macht sich auf die Suche nach Mitnick. Und bringt den New York Times Journalisten John Markoff mit. Und hieran entzündet sich die Kritik von Littmann. 

    Littmann meint, dass John Markoff nicht der neutrale Beobachter war, der er als Journalist hätte sein müssen, sondern sich aktiv in die Untersuchung und Verfolgung eingeschaltet habe, mit dem Ziel, die Jagd später in einem Buch zu dokumentieren und damit Geld zu verdienen. Nun ja, das war deutlich vor den embedded journalists des ersten Irak-Kriegs. 

    Fazit: Das Buch besteht zu mindestens der Hälfte aus den unkommentierten Telefonaten zwischen Mitnick und Littmann. Behauptungen von Mitnick werden stehengelassen, Andeutungen nicht aufgelöst. Wer auf die Lektüre von Telefonprotokollen steht, wird Spaß daran haben. Als Buch ist es eher langatmig und langweilig. Cyberpunk von Katie Hafner und John Markoff ist deutlich lebendiger und befasst sich immerhin zu einem Drittel ebenfalls mit Kevin Mitnick, der – Ironie der Geschichte – inzwischen selbst als Computer-Sicherheitsberater sein Geld verdient/verdienen darf.

    Verwandte Themen

    The Hacker Crackdown von Bruce Sterling, eine der ersten Schilderungen/Story-Sammlungen der Hacker-Kultur

  • Zoom und „Die Technik“

    Zoom und „Die Technik“

    Eine Mitgliederversammlung per Zoom

    Am Sonntag hatte „mein“ Verein Mitgliederversammlung, der jährliche Termin, bei dem der Vorstand über seine Arbeit berichtet, die Kassenprüfer ihre Prüfergebnisse vorstellen und die Mitglieder (alle paar Jahre) einen neuen Vorstand wählen.

    Abstimmungen mit Ja/Nein/Enthaltung, wie für die Entlastung des Vorstands notwendig, funktionieren in Zoom recht gut, aber wir mussten Vorkehrungen treffen für die (Ehe-)Paare, die an einem Gerät teilnehmen (=2 unabhängige Stimmen). Die Stimmzettel waren also immer mit zwei Abstimm-Möglichkeiten ausgestattet. Wer allein teilnahm, musste das bei der zweiten Stimme angeben. Hat gut geklappt. 

    Ja/Nein/Enthaltung geht, was nicht geht ist die Wahl von m Vorständen aus n Kandidaten (also wenn es demokratie-typisch mehr Kandidaten als zu vergebende Vorstandsposten gibt), das unterstützt Zoom nicht. Da hatte ich https://onlinevoten.de/ für in der Hinterhand, hab’s dann aber nicht gebraucht, weil m=n=7 war und wir „Listenwahl“ machen konnten.

    Auch bewährt hat sich für mich, mit einem zweiten Account „Die Technik“ reinzugehen und den zum Host zu machen. Von dem Host-Laptop kamen dann auch die Präsentation und die Abstimmungen, so dass ich mit meinem „persönlichen“ Zugang aus Teilnehmersicht sehen konnte, dass alles läuft, und auch an den Abstimmungen normal teilnehmen konnte (das kann der Host nicht).